1930 spaziert Siegfried Kracauer durch die Passage zwischen der Friedrichstraße und den Linden und findet sie verschandelt durch Modernisierung. Er veröffentlicht in seiner Zeitung, der Frankfurter, deren Feuilleton-Außenstelle in Berlin er seit einigen Monaten leitet, einen traurigen Text und nennt ihn "Abschied von der Lindenpassage". Alle Gegenstände dort seien jetzt mit Stummheit geschlagen: "Scheu drängen sie sich hinter der leeren Architektur zusammen, die sich einstweilen völlig neutral verhält und später einmal wer weiß was ausbrüten wird - vielleicht den Fascismus oder auch gar nichts." Das ist zweifellos hellsichtig. Kracauer schließt mit dem berühmten Satz: "Was sollte noch eine Passage in einer Gesellschaft, die selbst nur Passage ist?"Für Kracauer war überall Passage, er empfand die ungeheuren gesellschaftlichen Veränderungen, die sich um ihn herum ereigneten, noch in kleinsten Details. Er genoss sie so, wie er unter ihnen litt. In dieser Ambivalenz beschrieb er das merkwürdige nächtliche Glühen der Gedächtniskirche, das von innen zu kommen schien, in Wahrheit aber von den Reklamen herrührte, die von ihren Mauern reflektiert wurden. Am liebsten schrieb er über Straßen und Städte, auch wenn er eigentlich Film- und Literaturkritiker war. Das Buch "Straßen in Berlin und anderswo" versammelt solche Stadtansichten, die Kracauer ab 1925 in der Frankfurter Zeitung veröffentlicht hatte, bis er 1933 ins Exil gehen musste, zunächst nach Paris, dann in die Vereinigten Staaten, wo er bis zu seinem Tod 1966 blieb. In New York hat Kracauer die Texte für das vorliegende Buch selbst zusammengestellt, das in einer ersten Ausgabe 1964 im Suhrkamp Verlag erschien.Kracauer trieb sich viel herum, er offenbart seine Zuneigung zu einem Nummerngirl, das zwischen den Revuenummern über die Bühne trippelte. Er beobachtet einen Klavierspieler in einer mondänen Bar, der seinerseits, "wenn er nicht trinkt, in gewissen Abständen Beobachtungen schluckt, die er still für sich macht". Er erkundet jene damals berühmten Berliner Nachtclubs, deren Tische mit Telefon, Rohrpost und einer Signalanlage ausgerüstet waren, so dass man in dem betreffenden Lokal sein Büro aufschlagen kann. Mit der Signalanlage "kann man öffentlich bekannt machen, ob man an dem Tisch: a) einen Tänzer, b) eine Tänzerin, c) keine Störung wünscht."Wunderschön ist das Stück "Aus dem Fenster gesehen", das den Blick aus dem Fenster seiner Charlottenburger Wohnung beschreibt, über weite Gleisanlagen hinweg in Richtung Funkturm, der nachts von seiner Spitze einen Lichtkegel rundum schickt wie ein Leuchtturm. "Unablässig kreisend tastet das Blinkfeuer die Nacht ab, und wenn der Sturm heult, fliegt es über die hohe See, deren Wogen den Schienenacker umspülen."Diese Landschaft sei ungestelltes Berlin, schreibt Kracauer. Er schließt mit den Worten: "Die Erkenntnis der Städte ist an die Entzifferung ihrer traumhaft hingesagten Bilder geknüpft." Ob das damals verstanden wurde, kann man bezweifeln, aber es redigierte dankenswerter Weise niemand heraus.------------------------------Berlin-BibliothekDas Buch "Straßen in Berlin und anderswo" erscheint als Band 13 der 25-bändigen "Berlin-Bibliothek".Im Buchhandel sind die Bücher einzeln für 6,90 Euro erhältlich.Die ganze Bibliothek zu Vorzugspreisen bestellen kann man unter der Telefonnummer: (030) 61 10 55 55, Fax: (030) 61 10 55 56 oderim Internet unter: www.berlin-bibliothek.de