Ulrike Neumann ist des Lobes voll. "Das ist wunderbar, dass man eine Frau für den Posten gefunden hat. Ganz hervorragend", sagt die frauenpolitische Sprecherin der Berliner SPD-Fraktion. "Ulrich Nußbaum hat sich viel Mühe gegeben und unsere Wünsche ernst genommen." Nach längerer Suche hat der parteilose Politiker eine Chefin für die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) gefunden. Sigrid Evelyn Nikutta, derzeit in den Diensten der Deutschen Bahn (DB), rückt im Herbst an die Spitze des größten deutschen Nahverkehrsunternehmens. Der bisher mit fast 400 000 Euro pro Jahr dotierte Posten ist einer der härtesten Jobs, die es in Berlin gibt - und die Erwartungen sind sehr hoch.Die Hängepartie um die Suche nach einem Nachfolger für den BVG-Vorstandsvorsitzenden und Betriebsvorstand Andreas Sturmowski ist beendet. Bereits im vergangenen Oktober hatte der BVG-Personalausschuss beschlossen, den Vertrag mit Sturmowski nicht zu verlängern. Seither wurde gesucht, erst von einem, dann von einem anderen "Headhunter".Doch das Interesse hielt sich in engen Grenzen. Erst kürzlich kam Tempo in die Sache. Vergangene Woche stellten sich eine Handvoll Bewerber und eine Bewerberin dem BVG-Personalausschuss vor. Bei der Frau handelte es sich um Sigrid Evelyn Nikutta, Jahrgang 1969, aus Szczytno (Ortelsburg) in Polen, aufgewachsen in Westfalen. Die Psychologin hat in München an der Ludwig-Maximilians-Universität promoviert und ist seit 2009 Vorstand Produktion der DB-Güterverkehrstochter DB Schenker Rail Polska, für deren Sanierung sie mitverantwortlich ist.Bahn-Chef Rüdiger Grube bot ihr sogleich mehr Gehalt. Doch in der Nacht zu Mittwoch entschied sich Nikutta, zur BVG zu wechseln. Am 28. Mai wird sich die 41-Jährige dem BVG-Aufsichtsrat präsentieren, der danach noch am selben Tag entscheidet. Den Segen des Senats hat Nikutta bereits. Berichten zufolge hat sie dem Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) und Wirtschaftssenator Harald Wolf (Linke) Antrittsbesuche abgestattet. Nikutta soll im Oktober Vorstandsvorsitzende und Betriebsvorstand werden. "Wer als Aufsichtsratsmitglied seine Verantwortung ernst nimmt, sollte sie fragen, ob sie beides schafft", sagte ein Insider. Doch die Finanzverwaltung sieht keine Probleme: Bei DB Schenker war Nikutta seit 2007 für 1 700 Loks, 6 700 Beschäftigte und für einen internationalen Güterzugbetrieb verantwortlich.Allerdings ist schon die Arbeit des Vorstandschefs aufreibend. Denn die BVG steht unter öffentlicher Beobachtung, hat selbstbewusste Manager und Personalvertreter, mehr als 12 000 Beschäftigte - und Probleme. So wächst die Verschuldung wieder, heute steht das Landesunternehmen mit 740 Millionen Euro in der Kreide. Zudem kommt es trotz aller Bemühungen nicht aus den roten Zahlen - weil das Geld vom Senat nicht reicht und weil es langjährige Beschäftigte (den Großteil des Personals) höher entlohnen muss als neue Mitarbeiter. Kompliziert wird die Lage dadurch, dass die BVG mit widersprüchlichen politischen Vorgaben zurechtkommen muss. Während Nußbaum Kostensenkungen und Tariferhöhungen erwartet, stand die Senatorin für Stadtentwicklung Ingeborg Junge-Reyer (SPD) Fahrpreisanhebungen meist skeptisch gegenüber."Hier hat der Senat die BVG oft allein gelassen", kritisierte Frank Bäsler von der Gewerkschaft Verdi. 2000 sei festgelegt worden, dass die Erträge jährlich um drei Prozent steigen. Trotzdem habe der Senat mehrmals Preiserhöhungen verweigert: "Unser Wunsch ist es, dass die BVG verlässlich kalkulieren kann." Intern müsse die Chefin Sparkonzepte überprüfen: "Wir sind auf demselben Weg, den die S-Bahn einst eingeschlagen hat." Auch müsse sie dafür sorgen, dass BVGer, die Probleme benennen, nicht mehr diffamiert werden."Die Unternehmenskultur bei der BVG stimmt nicht", pflichtete Jutta Matuschek von der Linken bei. Die neue BVG-Chefin müsse das Personal dazu motivieren, eine bessere Leistung abzuliefern und mehr Fahrgäste zu gewinnen. Die Berliner Stadtreinigungsbetriebe (BSR) würden bereits erfolgreich von einer Chefin, Vera Gäde-Butzlaff, geleitet, sagte Ulrike Neumann: "Frauen sind lernfähiger und einfühlsamer. Frau Nikutta wird ihren Job gut machen."------------------------------Von Polen nach BerlinSigrid Evelyn Nikutta ging 1996 zur Bahn, war dort für Aus- sowie Fortbildung zuständig und leitete ab 2007 den Ganzzugverkehr. Heute ist sie Vorstand Produktion bei DB Schenker Rail Polska.Ihre Doktorarbeit an der Münchener Fakultät für Psychologie und Pädagogik hat den Titel: "Mit 60 im Management - Vorstand oder altes Eisen?"Andreas Sturmowski (56), seit 2005 BVG-Chef, werden riskante Finanzdeals vorgeworfen, wegen des Umzugs der BVG-Zentrale ermittelt die Justiz. An beiden Entscheidungen war der damalige Finanzsenator Thilo Sarrazin beteiligt.------------------------------Foto: Sigrid Evelyn Nikutta