Die Delegierten schmetterten inbrünstig die Nationalhymne „Fratelli d’Italia“, Brüder Italiens, und ihr 77-jähriger Anführer ließ sich mit „Silvio, Silvio“-Rufen feiern, als läge eine strahlende Zukunft vor ihm. Eigentlich sollte der Parteikongress in Rom, auf dem offiziell die Wiedergeburt von Silvio Berlusconis Forza Italia aus den 90er Jahren beschlossen wurde, am Sonnabend einen Aufbruch signalisieren. Tatsächlich aber war es der Tag, an dem Berlusconis rechtskonservative Partei auseinanderfiel – und eine weitere Etappe im unaufhaltsamen Abstieg des wegen Steuerbetrugs verurteilten Ex-Premiers und Medienunternehmers.

Schon vor dem Treffen der 800 Berlusconi-Getreuen war klar, dass wichtige Vertreter des bisherigen Volks der Freiheit (PdL) der Neugründung fernbleiben würden. Angelino Alfano, Berlusconi-Zögling und bis vor kurzem PdL-Sekretär, hatte die Entstehung einer eigenen Gruppierung verkündet: Nuovo Centrodestra heißt sie – Neue rechte Mitte. Angeschlossen haben sich ihr alle PdL-Minister in der Regierung sowie 57 ehemalige Berlusconi-Parlamentarier.

Alfano, Innenminister der großen Koalition und Vize von Ministerpräsident Enrico Letta, hatte bereits Anfang Oktober Berlusconi daran gehindert, die Regierung zu stürzen. Seitdem galt er den einen als Verräter und Vatermörder, den anderen als möglicher Kopf einer neuen, endlich Berlusconi-freien und moderaten italienischen Rechten. Nun wagt Alfano den Absprung. Er will mit seinem Übervater um rechtskonservative Wähler konkurrieren. In der Forza Italia dominierten Extremisten, die alles umwerfen wollten, sagt er. Das Land brauche aber eine stabile Regierung, um aus der Krise zu kommen. Es brauche eine moderne rechte Mitte, die an Europa glaube und enttäuschten Berlusconi-Wählern eine Heimat gebe.

Berlusconi, der vor seinen Anhängern in gewohnter Manier gegen Europa und Kanzlerin Angela Merkel wetterte, musste einräumen, wie schwach die gerade erst gegründete Forza Italia durch Alfanos Abgang ist: „Wir sind nicht mehr in der Lage, die Regierung zu stürzen.“ Die gute Nachricht für Italien und Europa: Selbst wenn der Senat Berlusconi in einer für 27. November geplanten Abstimmung sein Mandat als Parlamentarier und seine Immunität aberkennen, wird es keine neue Regierungskrise geben.