Eine Frist verstreicht, und niemand schert sich drum. Am Dienstagabend lief das Ultimatum einer Anwohner-Initiative aus der Simon-Dach-Straße aus. Die Anwohner, die unter nächtlichem Kneipenlärm leiden, fordern Nachtruhe ab 22 Uhr. Sollte das Bezirksamt bis zum 27. August nicht für die Einhaltung geltender Vorschriften sorgen, werde man vor Gericht ziehen, lautete die Drohung. Doch trotz aller Versprechungen vom Bezirk, man werde für Ordnung sorgen und die Wirte pünktlich anweisen, ab 22 Uhr draußen nicht mehr zu bedienen, war es am Dienstag auf der Gastromeile Simon-Dach-Straße wie jeden Abend. Dicht gedrängt saßen die Gäste auch nach 22 Uhr in den Biergärten vor den Kneipen, Autos kurvten auf der Suche nach Parkplätzen durchs Wohngebiet, Gitarrespieler klimperten zum Essen. Die Wirte haben für das fröhliche Nachtleben eine Erklärung parat: "Wir haben die angekündigten 22-Uhr-Bescheide noch nicht bekommen und arbeiten deshalb wie üblich weiter", sagte ihr Sprecher Michael Näckel. Selbst am Mittwochnachmittag wusste Näckel von keinem Kollegen, der das angekündigte Schreiben vom Amt schon erhalten hätte. Baustadtrat Franz Schulz (Grüne) will prüfen, ob das stimmen kann. "Sämtliche Bescheide waren am Dienstag aus dem Amt raus", sagte er gestern. Alle 110 Wirte im Viertel zwischen Revaler Straße und Frankfurter Allee, zwischen Warschauer und Mainzer Straße seien angeschrieben worden. Und das nicht etwa mit einem pauschalen Rundbrief. "Wir haben für jede Gaststätte eine spezielle Lärmprognose-Berechnung erstellt und abhängig von der Anzahl der Plätze begründet, wieso der Schallpegel ihres Biergartens nach 22 Uhr lauter ist als es das Gesetz erlaubt", sagte Schulz. Zehn Tage lang sei ein Mitarbeiter seines Umweltamtes nur damit beschäftigt gewesen. Die Anwohnerinitiative "Die Aufgeweckten" glaubt dem Stadtrat. Man wolle nun bis zum kommenden Montag warten, hieß es gestern. Sollte dann ab 22 Uhr auf den Straßen noch immer keine Ruhe herrschen, werde geklagt. Die Initiative, die sich nicht als Spaßverderber oder gar "Kneipen-Töter" sieht, will mit ihrer Aktion auf die geballte Monokultur aufmerksam machen, die in ihrem Viertel entstanden ist. Silke R. zählt zu den Betroffenen. Die allein erziehende Mutter dreier Kinder wohnt seit sechs Jahren in der Gegend. Vor nicht allzu langer Zeit öffnete in ihrem Haus eine Kneipe plus Biergarten mit über hundert Plätzen. Alle Beschwerden über zu laute Musik oder Gästegeschrei noch um 2 Uhr nachts seien höhnisch abgewiesen worden, sagt sie. "Einer von denen hat mich sogar vor der Tür abgefangen und mir gedroht, sollte ich noch mal die Polizei holen." Auch im Wirtschaftsamt, an das sich die Frau mit der Bitte um Hilfe wandte, sei sie abgewimmelt worden. Jetzt will sie von einem Arzt feststellen lassen, ob ihre jüngste Tochter wegen Dauermüdigkeit und Konzentrationsschwäche nicht versetzt wurde. "Die Kinder kommen ja nie vor Mitternacht zum Schlafen", sagt sie. Die Wirte bereiten indes schon ihre Widersprüche gegen die 22-Uhr-Regelung vor. Doch dem Urteil des Verwaltungsgerichts sieht Stadtrat Schulz gelassen entgegen: "Auf die Sondernutzung von öffentlichem Straßenland, um die es hier geht, hat niemand ein Anrecht."Foto: BERLINER ZEITUNG/PAULUS PONIZAK (2) Nachtleben in der Simon-Dach-Straße: Bald soll um 22 Uhr mit dem Ausschank im Freien Schluss sein.