BANGKOK/SINGAPUR, 21. März. Am Donnerstag erhielt Julia Bohl noch einmal Zuspruch. Ihr Vater besuchte die 22 Jahre alte Deutsche in Singapur im Gefängnis. Die junge Frau wurde dort in der vergangenen Woche festgenommen. An diesem Freitag wird sie zum zweiten Mal dem Haftrichter vorgeführt. Die Anklage wirft ihr Drogenhandel vor - ein Vergehen, das in dem asiatischen Stadtstaat mit der Todesstrafe geahndet wird.Mit Hochdruck analysieren die Behörden derzeit den Drogenfund, der bei der Deutschen gefunden wurde. Entscheidend ist die Menge an reinen Drogen. "Wer mit mehr als 500 Gramm reinem Cannabis erwischt wird, kann der Todesstrafe kaum entgehen", sagt der Anwalt Leonard Chia, der in Singapur Häftlinge vertritt, die wegen Drogendelikten angeklagt sind. Im Fall von Julia Bohl sollen es 687 Gramm Cannabis, 60 Ecstasy-Tabletten, 30 Gramm eines Anästhetikums und 34 Gramm Amphetaminen gewesen sein. Anwalt Chia weiß, was das bedeutet. "Es gibt hier keinen Raum zum Verhandeln." Laut offiziellen Angaben sind in Singapur zwischen 1991 und 2000 insgesamt 247 Täter wegen Drogendelikten hingerichtet worden, darunter auch der 59-jährige holländische Geschäftsmann Johannes van Damme im Jahr 1994.Sollte die 22-jährige Julia Susanne Bohl schuldig gesprochen werden, hätte sie noch rund ein Jahr zu leben. Denn meistens dauert es ganze drei Monate von der Verhaftung bis zur Gerichtsverhandlung. Sechs bis neun Monate nach dem Urteil werden die Todesurteile in Singapur üblicherweise vollstreckt. Selbst eine Berufung hält den Prozess kaum auf.Singapurs Ex-Premier Lee Kuan Yew rechtfertigte das drakonische Vorgehen der Behörden bereits 1990 in einer Rede vor der juristischen Fakultät so: "Für uns stehen die Interessen der Gemeinschaft über denen der Individuen." Unter diesem rigiden Dogma verwandelte Lee Kuan Yew die einstige tropische Lasterhöhle Singapur in ein modernes internationales Finanzzentrum. Im Gefolge des wachsenden Wohlstands stieg zuletzt zwar auch der Konsum von Drogen in der Hafenstadt. Die internationalen Rauschgiftsyndikate aber meiden angesichts der drakonischen Strafen den rund drei Millionen Einwohner zählenden Staat."Für die Justiz steht die Bestrafung, nicht die Resozialisierung im Mittelpunkt", berichtet die Stuttgarter Anwältin Antje-Kathrin Uhl, die Mitte der 90er-Jahre in Singapur als Juristin praktische Erfahrungen sammelt. Ihr Anwaltskollege Chia ergänzt: "Theoretisch gilt Singapurs Rechtsprechung auch uneingeschränkt für westliche Ausländer."Tatsächlich ließen sich die Behörden im Fall des holländischen Geschäftsmanns Johannes van Damme nicht beirren und richteten ihn 1994 hin. Im Gepäck des 59-jährigen Mannes waren vier Kilogramm Heroin gefunden worden. Er argumentierte, die Drogen hätten nicht ihm gehört. Erfolglos. Selbst ein Gnadenappell der niederländischen Königin Beatrix blieb ohne Wirkung.Massiver ausländischer Druck scheint die Entschlossenheit von Singapurs Justizbehörden eher zu bestärken. Das musste 1994 der 18-jährige Amerikaner Michael Peter Fay erfahren. Der Schüler erhielt vier heftige Stockschläge auf den nackten Hintern, weil er mit einer Truppe von anderen Jugendlichen in Singapur Autos und Gebäude mit Farbe besprüht hatte. Selbst der damalige US-Präsident Bill Clinton konnte die Strafe nicht verhindern, die er in einer Rede als "exzessiv" bezeichnete.Stille Diplomatie"Öffentliche Kampagnen bringen nichts, weil die Regierung nicht in den Ruf geraten will, für Ausländer Ausnahmen zu machen", sagt Rechtsanwalt Chia. Er würde westlichen Klienten deshalb raten, lieber auf stille Diplomatie zu setzen. "Nur wenn ein Fall wenig Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit verursacht, kann eventuell auf Regierungsebene etwas hinter den Kulissen erreicht werden." Wie erfolgreich dieses Vorgehen sein kann, zeigt der Fall des 43-jährigen Kanadiers Ronald Wilson McCulloch aus dem Jahr 1996. Er entging der Todesstrafe, obwohl die Behörden bei ihm acht Kilogramm Marihuana entdeckt hatten.Julia Bohl hat also noch Hoffnung. Auch nach dem Haftprüfungstermin an diesem Freitag."Es gibt keinen Verhandlungsspielraum." L. Chia, Jurist