Aus amerikanischen Geheimarchiven flattern immer mehr Dokumente, die ihren Lesern das Blut in den Adern gefrieren lassen. Denn weit mehr Wissenschaftler als befürchtet führten mit und ohne Auftrag der Regierung in Washington in der Vergangenheit zum Teil qualvolle und tödliche Menschenversuche mit radioaktiven Stoffen an unwissenden Opfern durch.Zur Aufklärung möglicher Wissenschaftsverbrechen unter dem Deckmantel der nationalen Sicherheit berief US-Präsident Bull Clinton für gestern hochrangige Regierungsvertreter zu einer Krisenkonferenz ins Weiße Haus. Denn aufklärungsbedürftig ist offensichtlich sehr viel mehr als das schon bekanntgewordene Aussetzen radioaktiver Wolken über amerikanischen Wohngebieten und das vor~ätzliche Bestrahlen von US-Soldaten hei Atombombenversuchen in der Wüste von Nevada: Neuesten Aktenfunden zufolge verfütterten Wissenschaftler einer weltberühmten US- Universität strahlenverseuchte Cornflakes an 125 geistig behinderte Kinder in einem Waisenhaus. Und eine Regierungsklinik injizierte 23 unwissenden Schwangeren Strahlenmaterial. Im ersten Fall wollten die Fachleute ermitteln, wie sich Radioaktivität in den Kmderkorpern ausbreitet. Im zweiten Fall wollten sie den "Bluttransport" radioaktiver Stoffe über die Nabelschnur auf Ungeborene erkunden. Aufträge vom Pentagon und GeheimdienstenEinigen beteiligten Wissenschaftleni war offensichtlich klar, daß sie mit ihren Experimenten ethische Grenzen überschritten: Unter Anspielung auf verbrecherische Menschenversuche in deutschen Konzentrationsiagern schrieb ein Wissenschaftler in einem jetzt aufgefundenen Geheimmemorandum. " Das kann eine Buchenwald-Diskussion auslösen. In anderen Memoranden wurde das Verwischen verräterischer Spuren empfohlen. In einem hieß es: "Alle Unterlagen vernichten, nur die Ergebnisse behalten."Allem Anschein nach wurden die in den 40er und 50er Jahren veranstalteten Versuche von der damaligen Atomenergie-Behörde, der Vorläuferin des jetzigen Energieministeriums, koordiniert. Über die Auftraggeber herrscht weitgehend Unklarheit. Etliche Experimente wurden offensichtlich vom Verteidigungsministerium und von US-Geheimdiensten geordert und bezahlt. In anderen Fällen machten sich Experten möglicherweise aus eigenem Antrieb ans "patriotische Forschen".Begonnen hat der Forschereinsatz augenscheinlich in den letzten Kriegsjahren. Unter größter Geheimhaltung wurde damals das "Manhattan-Projekt" zur Entwicklung der ersten Atombombe abgewickelt. Und weil die Experten über die Wirkungen der Radioaktivität weitgehend im dunkeln tappten, war der Schritt zu Menschenversuchen sehr schnell getan.Nach dem Ausbruch des Kalten Krieges kam in den USA die Furcht vor einem "feindlichen" (sprich: sowjetischen) Nuklearangriff auf die Vereinigten Staaten hinzu. Das war für US-Wissenschaftler offensichtlich ein neuer Grund zum Forschen. Den jetzt an die Öffentlichkeit geratenen Dokumenten zufolge interessierte die noch nicht näher identifizierten Regierungsstellen vor allem eines: Wie wirken sich radioaktive Niederschläge auf die Zivilbevölkerung aus und welchen Schutz gibt es gegen die tödlichen Strahlen?Der Antikommunismus machte lahm und stummInzwischen wird immer deutlicher, daß etliche Menschenversuche seit Jahrzehnten ein offenes Geheimnis waren. Es gab beispielsweise viele ausführliche Berichte in frei zugänglichen Fachzeitschriften. Gelegentlich informierten auch die allgemeinen Medien. Aber der Aufschrei der Empörung in der amerikanischen Öffentlichkeit blieb aus. Selbst Berichte über Krebserkrankungen und Todesfälle durch die Versuche blieben ohne erkennbare Folgen. "Die Rote Gefahr", schrieb jetzt ein Kolumnist, "hat uns alle gelahmt und stumm gemacht."Das Ende des Kalten Krieges katapultierte die Atom-Geschichten nun zu Skandalen. Energieministerin Hazel O Leary läßt die Akten ihres Ministeriums nach Skandalspuren filzen. Der noch amtierende Verteidigungsminister Les Ospin ordnete in seinem Haus eine Aktendurchsicht an. Veteranenminjster Jesse Brown läßt nach Forscher-Arbeiten suchen, die möglicherweise in Soldaten-Krankenhäusern durchgeführt worden sind. Und Gesundheitsministerin Donna Shalala machte sich für staatliche Entschädigungen der überlebenden Opfer geheimer Strahlenversuche stark. Strafrechtliche Folgen werden die Experimente aber nicht haben. Nach Mitteilung des Justizministeriums sind alle Taten längst verjährt.Atombombentest 1953 in der Wüste von Nevada.