Skurrile Geschichten ranken sich um zwölf Mumien in einem Lausitzer Dorf: Von innen an den Sarg geklopft

ILLMERSDORF. Auf der Straße ist es so still, dass man hört, wie die Herbstblätter zu Boden rascheln. Mit einem leisen Knistern. Im Nebel kauern einige Häuser, gut versteckt am Ende einer löchrigen Straße mitten in der Lausitz. Fahles Sonnenlicht scheint auf die nackte Wand der Dorfkirche. "Für den Putz hat das Geld nicht mehr gereicht", sagt Peter Krüger. Er ist der Pfarrer von Illmersdorf und drei weiteren Dörfern in der Gegend. Seine kleine Gemeinde hat nur 500 Mitglieder, dafür vier baufällige Kirchen, viel zu wenig Geld und einen Schatz.Hinter einer unscheinbaren braunen Tür unter der Empore der Illmersdorfer Kirche stehen acht große und drei winzig kleine Särge, darin zwölf Mumien: fünf Frauen, drei Männer und vier Kinder. Die Särge sind eingedreckt, die Kleidung zerfallen, alle Grabbeigaben geraubt, die Körper aber hervorragend erhalten. Die Särge sind die einzigen der Lausitz, der größte Mumien-Schatz Brandenburgs und der skurrilste: In einem Sarg liegen Mutter und Kind, in einem anderen ist eine alte Frau mit drei Gurten festgeschnallt. Eine Schrifttafel beschreibt sie als: "Caroline Louise von Schoenberg, gebohren v. Normann, geb.: den 3-ten März 1740, gest.: den 17-ten April 1821." Der Sage nach war sie nur scheintot und erwachte während ihrer Beisetzung. Sie soll voll Panik an den Sargdeckel geklopft haben, doch die rüden Nachkommen hatten ihr Erbe schon verteilt, heißt es. Also banden sie die alte Dame einfach fest. Pfarrer Krüger hält diese Erklärung für "Blödsinn". "Wenn die Leichen durch die Totenstarre bereits steif waren, hat man sie manchmal zusammengebunden, damit sie ordentlich liegen", erklärt er.Seit rund 200 Jahren liegen die Toten dort, sämtlich Ahnen des längst untergegangenen Geschlechts derer von Normann. Mumifiziert wurden sie wohl eher zufällig, denn die Gruft ist einfach gut belüftet. Durch eine Maueröffnung konnte der beständige Luftzug die Leichen austrocknen und so mumifizieren, bevor die Fäulnis einsetzte.Die Ortschronik vermerkt 1738, dass der "Obristwachtmeister vom Rothenburgschen Grenadier-Regiment, Caspar Ernst von Normann, Angehöriger eines Uradels auf der Insel Rügen" das Gut gekauft habe. Warum, wird nicht erwähnt, jedoch dass der Obristwachtmeister vier Jahre nach seiner Ankunft in Illmersdorf anstelle der Gutskapelle ein "Kirchlein neu erbauet und von Grund auf neu aufgeführet habe".Einen alten Schlüssel in der Hand steht Pfarrer Krüger im Herbstlaub vor der Kirche. Drinnen liegt ein mächtiger Haufen Dreck. Das sei der Lehmputz, der innen an den Wänden war, und der soll auch wieder ran, sagt Krüger. Obwohl, eigentlich sei das Unsinn und furchtbar teuer, und bisher wisse sowieso niemand, ob das nicht wieder runterkommt. Er hält nicht viel von der Idee und erzählt lieber von den neuen Fenstern und der Rettung des Fachwerks. Das ist in der Gegend genauso selten wie die barocke Bauweise. Bereits 1930 wurde der Bau daher saniert, danach jedoch nie wieder, da man kurz darauf beschloss, das Gebiet den Braunkohlebaggern zu opfern. Die Kirche verfiel und auch die Glocke kam ihr abhanden. "Jetzt hat sie nur noch eine Bimmel", sagt Krüger. Seit vier Jahren kämpft er darum, Kirche und Mumien zu retten. Er hat schon viel geschafft.Was wäre das auch für ein Zeichen, wenn man so etwas einfallen ließe, sagt er. "Auch wenn wir nur wenige Gemeindeglieder haben, besitzen wir nicht das Recht, es verfallen zu lassen." Die zuständige Denkmalschutzbehörde hat längst ihre Hilfe zugesagt, "doch das Problem sind die Eigenmittel", sagt der Pfarrer. Bis zu fünfzig Prozent muss die Kirche aufbringen, und bei einer so kleinen Gemeinde sei das nicht so einfach. Er tut, was er kann, im nächsten Jahr könne man die Gruft vielleicht schon wieder besichtigen."Doch die Mumien interessieren mich eigentlich gar nicht", sagt er. Sie seien nur ein "Köder", denn mit ihnen könne man vielleicht Touristen für die Kirche interessieren. Außerdem hofft er, dass die Leute ein wenig über das Leben und den Tod nachdenken, wenn sie die Särge sehen. "Übers Sterben spricht doch heute keiner mehr", sagt Krüger. Vielleicht könne man ja so mit den Menschen ins Gespräch kommen."Die Mumien interessieren mich eigentlich gar nicht. Sie sind nur ein ,Köder für Touristen. " Peter Krüger, Pfarrer