Am 16. Januar warnen Funk und Fernsehen vor hohen Schadstoffkonzentrationen im Ruhrgebiet: Die Bürger sollen auf vermeidbare Autofahrten verzichten und die Heizungen runterdrehen. Es gilt die Smog-Warnstufe eins, bei der noch ganz auf freiwillige Maßnahmen gesetzt wird. Aber die Werte steigen weiter. Bald werden Bürger mit Herz-, Kreislauf- und Atemwegserkrankungen aufgefordert, besser nicht ins Freie zu gehen. Als sich die Situation weiter verschärft, wird schließlich am 18. Januar 1985 Alarmstufe drei ausgelöst, die höchste Stufe - zum ersten Mal in der bundesdeutschen Geschichte.Das Ruhrgebiet steht still. Auf den Straßen gilt ein allgemeines Fahrverbot für Privatautos, nur Polizei und Notdienste dürfen noch unterwegs sein. Industriebetriebe drosseln die Produktion, Schulen und Kindergärten werden geschlossen, Innenstädte wirken wie ausgestorben. Bei den Ämtern laufen derweil die Telefone heiß, weil Bürger panisch um Auskunft bitten, während die Beamten ratlos sind: Fünf Millionen Menschen starren in eine schmutzig-dunstige Luft, die einfach nicht aufklaren will. Wer noch etwas Humor übrig hat, macht sich über die gerade angelaufene Imagekampagne des Kommunalverbands Ruhr lustig, die "ein zeitgerechteres Bild des Ruhrgebiets jenseits von Rauch, Ruß und Hochöfen" propagiert.Die Ursache ist das, was Meteorologen eine Inversionswetterlage nennen. Eine Warmluftschicht hat sich über kalte Januarluft am Boden geschoben und den Luftaustausch blockiert. So sammeln sich die Emissionen in Bodennähe wie unter einer Glasglocke. Einschränkungen wie das Fahrverbot haben nur den Effekt, das Wachstum der Schadstoffkonzentrationen zu verlangsamen. Allein Wind könnte Linderung bringen, und der lässt auf sich warten. Erst am 20. Januar, fünf lange Tage nach den ersten Warnmeldungen, sind die Messwerte wieder so weit gefallen, dass der Smog-Alarm aufgehoben werden kann.Die Bewohner des Ruhrgebiets waren mit Luftverschmutzung eigentlich bestens vertraut. Seit seiner Entstehung im 19. Jahrhundert war der industrielle Ballungsraum für seine schlechte Luft ebenso berüchtigt wie für die Hartleibigkeit, mit der die Bewohner solchen Herausforderungen begegneten. Noch 1955 hatte ein Bergwerk Beschwerden von Bürgern über Gasaustritte mit dem achselzuckenden Hinweis gekontert, es sei doch "keiner umgefallen". Als 1979 zum ersten Mal wegen einer Smogwetterlage die erste Warnstufe ausgerufen wurde, hatte das die Lokalpresse noch recht lakonisch zur Kenntnis genommen: Man müsse "annehmen, dass der Alarm in früheren Zeiten öfter gegeben worden wäre, wenn die Gefahren bekannt und die heute gültigen Gesetze bereits erlassen worden wären". Doch das allgemeine Bewusstsein änderte sich: Die Achtzigerjahre hatten begonnen, in der bundesdeutschen Geschichte das ökologische Jahrzehnt schlechthin. Selbst im Ruhrgebiet wurde der Zustand der bedrohten Natur nun mit wachsender Sorge verfolgt. Seit dem Herbst 1981 erregte ein drohendes "Waldsterben" die Gemüter, seit der Bundestagswahl im März 1983 saßen die Grünen im Bundestag, und deshalb wollte nun, wenn es um die Umwelt ging, niemand mehr zurückstehen.So beginnt, kaum dass sich der Smog 1985 verzogen hat, unter Politikern ein eifriges Werben um die ökologisch ambitionierteste Forderung. Die Christdemokraten, die aufgrund des Smog-Alarms eine Landesdelegiertenkonferenz absagen mussten, attackieren die in Nordrhein-Westfalen regierende SPD, die wiederum auf die Bundesregierung verweist. Die Grünen fordern die kostenlose Nutzung des Nahverkehrs bei Smogwetterlagen, Umweltverbände wollen schärfere Smog-Grenzwerte, während Befürworter der Kernenergie meinen, man solle im Ruhrgebiet doch endlich auf Atom statt auf Kohle setzen. Sogar empörte Industrielle, die zunächst Schadenersatz für die Zwangsstilllegungen fordern, geben bald klein bei. Und in einem Punkt sind sich alle Beteiligten einig: Der Smog-Alarm war eine Mahnung, die Reinhaltung der Luft nach Kräften zu beschleunigen.Bei dem für Smog entscheidenden Schadstoff, dem Schwefeldioxid, handelte es sich allerdings um einen alten Bekannten. Schon im 19. Jahrhundert war seine Gefährlichkeit weithin bekannt und durch wissenschaftliche Studien belegt. Während jedoch bei Rauch und Staub im Lauf der Zeit ein gewisser Konsens über Standards und Reinigungsmethoden entstand, wurde um die Grenzwerte für Schwefeldioxid unendlich lange gefeilscht. Vor allem bei der Entschwefelung der Kohlekraftwerke traten die Energiekonzerne auf die Bremse: Das Reinigungsverfahren war technisch aufwendig und sehr kostspielig, sodass die Kraftwerksbetreiber jede Gelegenheit nutzten, um die sich anbahnende Regelung des Problems zu verzögern. Und mit der mächtigen deutschen Kohlelobby legten sich Wissenschaftler und Beamte eben nur im Notfall an.Dabei gab es in der Nachkriegszeit bereits ein aufsehenerregendes Ereignis, das die Gefahren der Kohlenverbrennung nachdrücklich vor Augen geführt hat: die Smogkatastrophe von London im Dezember 1952. Sie kostete mehr als 4 000 Menschen das Leben; neuere Schätzungen lassen sogar vermuten, dass die wirkliche Zahl eher bei 12 000 lag. Danach begannen die Briten den "London-Smog" energisch zu bekämpfen.All dies war in den Achtzigerjahren noch lebendig in Erinnerung. Entsprechend nervös beobachteten die Verantwortlichen während des Smog-Alarms von 1985, wie sich die Situation in den Krankenhäusern entwickelte. Würden sich dort nun verstärkt Menschen mit Atemwegs- und Kreislaufproblemen einfinden? Drohte gar eine große Welle von Erkrankungen? Als sich am Ende herausstellte, dass die Lage insgesamt ruhig geblieben ist, war ein kollektiver Seufzer der Erleichterung zu spüren.Zwei Jahrzehnte zuvor hatte man in Deutschland, trotz der Londoner Erfahrungen, noch ziemlich gelassen reagiert, als das Ruhrgebiet im Dezember 1962 von dichtem Smog heimgesucht wurde. Im Wesentlichen bestand die Reaktion darin, dass die VDI-Kommission "Reinhaltung der Luft" den Unterausschuss "Warndienst Reinhaltung der Luft" unter dem Vorsitz des verdienten Oberregierungsrats Max Hinzpeter vom Deutschen Wetterdienst einrichtete.Nicht die großen Katastrophen trieben die Luftreinhaltung in Deutschland voran, sondern die Kleinarbeit von Experten und Beamten, und die machte aufgrund des Widerstands der Kohlelobby nur langsam Fortschritte. Ende 1982 besaßen ganze sieben von etwa 90 bundesdeutschen Kohlekraftwerken eine Entschwefelungsanlage.Erst das Waldsterben brachte wirklich die Wende. Die Angst vor dem Verschwinden der deutschen Wälder, die sich Anfang der Achtzigerjahre in Windeseile verbreitete, einte Menschen aus allen politischen Lagern und brachte auch die verantwortlichen Stellen auf Trab. In aller Eile wurde eine Großfeuerungsanlagen-Verordnung durch die Gremien gepeitscht und zum 1. Juli 1983 in Kraft gesetzt. Sie enthielt neben strengen Grenzwerten vor allem die Verpflichtung, alle bestehenden Kraftwerke innerhalb von fünf Jahren mit Entschwefelungsanlagen nachzurüsten - ein Kraftakt, der im internationalen Vergleich seinesgleichen sucht.Die Politiker, die aus dem Smog-Alarm des Jahres 1985 im Ruhrgebiet die richtigen Lehren ziehen wollten, befanden sich dagegen in einer merkwürdigen Situation. Längst lief der Einbau der Entschwefelungsanlagen auf Hochtouren, auch beim Automobil-Katalysator waren die Würfel gefallen. Auf gesetzlicher und administrativer Ebene blieb daher eigentlich nicht mehr viel zu tun. So konzentrierte sich die Aufmerksamkeit rasch auf die Smog-Verordnung selbst. Intensiv wurde das Für und Wider niedrigerer Schwellenwerte und der Modus der Alarmmeldung diskutiert, freilich ohne dass dies grundsätzlich neue Erkenntnisse produziert hätte.Immerhin führte der Smog-Alarm zur raschen Einführung entsprechender Verordnungen in anderen Teilen der Bundesrepublik. Das nämlich bleibt die tiefe Ironie des Ereignisses: Der Smog vom Januar 1985 wurde nur deshalb zum Ruhrgebietsereignis, weil dort schon strenge Grenzwerte galten - im Unterschied zum Rest des Landes. Smog gab es 1985 von Hamburg bis Hessen, selbst in der Lüneburger Heide wurden Konzentrationen gemessen, die für Alarmstufe zwei ausgereicht hätten, nur existierten dort noch keine juristisch verbindlichen Smog-Verordnungen. Wenn das Ruhrgebiet als außerordentlich stark verschmutzte Region vorgeführt wurde, dann lag das nur daran, dass die Bürger rechtlich besonders gut geschützt waren.So wurde der Smog-Alarm zwar zu einem Ereignis, das bis heute einen Platz im kollektiven Gedächtnis des Ruhrgebiets hat, aber nicht zu einem Wendepunkt der Umweltpolitik. Eher bestätigte er noch einmal den längst eingeschlagenen Kurs. Die Wetterlage vom Januar 1985 zeigte nachdrücklich, wie bedrohlich die ungebremste Verschmutzung der Atmosphäre tatsächlich ist - aber letztlich war es, wie sich bald zeigen würde, das letzte Aufflackern einer bereits gebändigten Gefahr. Ein gutes Jahrzehnt nach dem Ereignis von 1985 hatte sich die Lage so sehr entspannt, dass die Smog-Verordnungen aufgrund faktischer Bedeutungslosigkeit in den späten Neunzigerjahren wieder aufgehoben wurden. Heute darf man getrost die Möglichkeit ignorieren, dass die aktuelle Feier der Europäischen Kulturhauptstadt Ruhr in ähnlicher Weise vom Smog konterkariert wird wie weiland die Imagekampagne des Kommunalverbands Ruhr. Smog bedeutet nicht mehr Winter und Nebel, sondern Sommer und Ozon - eine Folge des Automobilverkehrs, die Experten als "Los-Angeles-Smog" in Abgrenzung vom klassischen "London-Smog" bezeichnen.Kann man also nach einem Vierteljahrhundert eine zufriedenstellende Bilanz ziehen? Ein wenig wirkt der Smog-Alarm von 1985 inzwischen wie ein Ereignis aus einer anderen Welt: Der Wintersmog hatte noch eine sinnliche Penetranz, die wir inzwischen eher in den Ländern des Südens verorten und in Mitteleuropa für weitgehend ausgestorben halten.Aber vielleicht ist es ratsam, eine gewisse Vorsicht mit allzu selbstgefälligen Lesarten zu pflegen. In gewisser Weise zeigte der Smog-Alarm nämlich auch die Grenzen der menschlichen Wahrnehmungskraft. Es war die akute Zuspitzung, die Schlagzeilen machte, und nicht die schleichende Gefahr, die leicht im Alltagsgeschäft untergeht. Dabei sind es bis heute die chronischen Luftverschmutzungsprobleme, die uns am meisten Sorgen machen sollten - vom Feinstaub bis zu den Klimagasen. Nach wie vor ist offen, ob wir dieser kognitiven Herausforderung gewachsen sind.Unser Autor ist Umwelthistoriker und stellvertretender Direktor des Rachel Carson Centers in München. Von ihm erschien u.a. das Buch "Von der Rauchplage zur ökologischen Revolution. Eine Geschichte der Luftverschmutzung in Deutschland und den USA 1880-1970", Klartext Verlag, Essen 2003.------------------------------Foto: Polizisten haben die Ausfahrt Dortmund-Zentrum an der B1 aufgrund des Smogalarms gesperrt.