Es kann einem schlecht werden, wenn man die Noten der 0. Sonate von Kaikhosru Sorabji (1892-1988) vor sich hat. Der Brite persischer Herkunft verlangt in seinem Klavierstück von 1917 bei vollen Akkorden die genaue Nachzeichnung von Stimmkreuzungen innerhalb einer Hand! Und später soll auch noch eine Mittelstimme hervorgehoben werden, bei der sich der linke Daumen zwischen die Fingerritzen der rechten Hand (wieder vier- bis fünfstimmige Akkorde) schieben muss. Kein Wunder, dass kaum ein Pianist das spielen will.Soheil Nasseri aber, 1978 in Kalifornien als Sohn iranischer Exilanten geboren, hat diese Sonate auf CD aufgenommen und am Mittwoch im Kammermusiksaal der Philharmonie auch zur europäischen Erstaufführung gebracht. Und - Hut ab! - die Darstellung von Wegkreuzungen, von Eigensinnigkeiten verschiedener Stimmen im gleichen Moment ist eine echte Begabung dieses Pianisten.Polyphonie kann so Unterschiedliches bedeuten: In Sorabjis Sonate wirkte sie unter Nasseris Händen vor allem energetisch als Kräftespiel von Bewegungsimpulsen und Farben, eng verwandt der Musik von Alexander Skrjabin oder Karol Szymanowski. In der später gespielten Sonate op. 14 von Robert Schumann nahm diese Polyphonie dann diskursive Züge an: Hier wurde sinfonisch gearbeitet wie mit einem Orchester. Die Nähe zu Schumanns "Etudes Symphoniques" op. 13 für Klavier wurde einem schlagartig bewusst und damit einmal mehr das Phänomen, dass ein künstlerisches Problem größer ist als das Einzelwerk und von sich aus nach Fortsetzung drängt.Nasseri vermag schon viel in der Darstellung komplexer Texturen, es fehlt ihm nur etwas an klanglicher Finesse und am Mut zu Extremen in der Lautstärke. Sein Artikulationsvermögen jedoch ist delikat. Die Walzer op. 39 von Johannes Brahms hätte man glatt nochmal hören mögen, besonders die Nummer 11: die Begleitung links gezupft und leicht eiernd wie ein Rad mit Delle (muss so sein beim Walzer), oben die kreisende Melodie und dann eine sanft gebundene Mittelstimme. Klasse!Nasseris große Neigung gilt Ludwig van Beethoven: Bis zu dessen 250. Geburtstag 2020 will er sämtliche Werke mit Klavierbeteiligung aufführen. Mittwoch gab es die Sonate op. 26 und - als Zugaben - die Sechs Ecosaissen (Werk ohne Opuszahl 83) sowie die Bagatelle op. 33 Nr. 7. Und da hat man sich auf höchstem Niveau amüsieren können. Im Finale der Sonate traf Nasseri genau diesen Ton zwischen Grazie und Bockbeinigkeit, Puck und Zettel, Elflein und Esel, Charme und Schabernack, der Beethovens Humor auszeichnet.