Morgens um sieben weht Mozart über die Grünfläche. Es ist noch niemand unterwegs. Die blauen Fensterläden der "Restaurancia" und des Frisörsalons sind zu, der Spielplatz ist sauber und leer. Die Gebäude liegen wie eine flachgetretene Insel im Zentrum der Anlage. Gegenüber dem heruntergekommenen Kasten des Hotel Rozkvet, das einmal sehr modern gewesen war, wuchern weiße Hochhausriegel den Hang herunter. Dahinter ist der Wald. Auf den Balkonen, die Satellitenschüsseln der Sonne zugewandt, trocknet Wäsche. Eine Fassade des bordeauxroten Hotels wird durch eine flächendeckende Cola-Werbung zusammengehalten. Kaum ist die kollektive Weckermusik aus den öffentlichen Lautsprechern verklungen, während man sich noch schlaftrunken die Augen reibt und fragt, ob man das nur geträumt hat, da reißen Handwerker im oberen Stockwerk schon Wände ein. Es gibt kein Frühstück. Vranov nad Toplou, auf österreich-ungarisch "Frönel an der Töpl", hat keinen roten Stern für landschaftlich reizvolle oder historische Sensationen auf der Landkarte. Im Internet wirbt die Stadt um Investoren und preist ihre fleißigen Handwerker an. Die Slowakei ist arm, besonders hier im Nordosten, nah bei Polen und der Ukraine. Ein Metallschild an der Wand einer Art Stadthalle, ein abweisender Betonwürfel, gedenkt der von hier aus in den Tod geschickten Juden. Im Supermarkt gibt es alles, was der globalisierte Schokoriegelmarkt möglich macht. Ein ganzes Regal ist voller verschiedener Müslis und Cornflakes. Die Eisdiele der Ortschaft ist pastellfarben, zum Cappucchino "Lavazza" gibt es den in Folie eingeschweißten Gewürzkeks aus Belgien, den es in letzter Zeit überall zum Kaffee gibt. Ist er vielleicht das geheime Symbol der europäischen Vereinigung? Wir wollen bis ans hinterste Ende des neuen Europas. Neben einem Reiseführer für die Schönheiten der Slowakei haben wir ein zweites Buch dabei: "Die Hundeesser von Svinia". Der Österreicher Karl-Markus Gauß berichtet darin von seiner Recherche bei den Roma. Neben den Zeichen für Thermalquellen, Aussichtsplattformen und Museumsdörfer haben wir auf unserer Karte Dörfer angekreuzt, deren Romasiedlungen Gauß erwähnt. Ist es Voyeurismus, neugierig auf Elend zu sein? In der "Exotik der Armut" oder "Ästhetik des Abbruchs" erkennt der Pariser Anthropologe Jean-Loup Amselle ein "Refugium des Imaginären" für den Menschen des übersättigten, verglasten Westens. Fast eine halbe Million Zigeuner leben schätzungsweise in der Slowakei. Mit knapp zehn Prozent der gesamten Bevölkerung sind sie die zweitgrößte ethnische Minderheit. Darf man überhaupt "Zigeuner" sagen? Gauß unterscheidet zwischen Roma, Cigani und Degesi, letztere sind die niederste Klasse der "Hundeesser". Nahezu alle von ihnen sind arbeitslos, unterqualifiziert, zur Nutzlosigkeit abgestempelt, gebrochen für den Bettelstand. Drei Viertel der Kinder gehen in Sonderschulen, behindert durch ihr Kauderwelsch aus Slowakisch und Romanes. Tausende Sinti und Roma kamen in Auschwitz um. Und noch 1972 wurden Romafrauen in der Slowakei planmäßig zwangssterilisiert, wenn sie aus Not in einem staatlichen Krankenhaus landeten. Das wird oft und gerne berichtet in den wenigen Aufsätzen über die Situation der slowakischen Roma. Eine Studie der UN vom letzten Jahr spricht von "Inseln der Dritten Welt in der Ersten Welt". Menschenrechtskommissionen prangern immer wieder den Rassismus und die Diskriminierung an. Mit Livia Jaroka aus Ungarn haben die Roma seit Mai immerhin eine Vertreterin im europäischen Parlament. Für Touristen wie uns sind die Roma zunächst unsichtbar, bis auf die paar jungen Männer, vereinzelt, aber nie allein, die mit einem Handkarren voller Lumpen, Alteisen oder sonstigem Schrott davonziehen. Das Wesen der Ghettos ist ihre Verdrängung aus dem Bereich der Wahrnehmungszonen. Ihre Unsichtbarkeit. Erst recht im Sommer. Nicht einmal die Armut der hinterwäldlerischen Dörfer dieser "ärmsten Region Europas" finden wir bemerkenswert. Im Gegenteil: Es ist die reine Idylle, eine Zeitreise in die Kindheit in der westdeutschen Provinz, bevor das Wirtschaftswunder durch Fernsehen, Werbung und Autos die heile Welt mit dem fahrenden Volk vom Wanderzirkus kaputt machte. Einmal im Jahr kam Herr Zigan mit seiner schönen grauhaarigen Frau zu uns, im Kofferraum seines Mercedes Ölgemälde und Orientteppiche. Von Herrn Zigan kauften meine Eltern ihre ersten Luxusgüter. Unsere Zeitreise führt zunächst in ein Disneyland der europäischen Kulturgeschichte. Die Slowakei hat wahrscheinlich die meisten und märchenhaftesten Burgruinen Europas pro Quadratkilometer. Und fast jede Ortschaft verfügt über eine 500 bis 1 000 Jahre alte, bauhistorisch völlig intakte Altstadt. Der Marktplatz des verschnarchten Kurortes Bardejov ist von gigantischen Ausmaßen, ein geschlossenes Ensemble historischer Fassaden von Bürgerhäusern seit dem Spätmittelalter, in der Mitte ein Brunnen, ein riesiges Renaissance-Rathaus und eine Kathedrale, die als einzige in ganz Mitteleuropa elf spätgotische Flügelaltäre beherbergt. Drinnen läuft Gothicpop vom Band: "Master of Change Vol. 1". Auf einem der holzgeschnitzten Altäre ist die heilige Apollonia dargestellt, der vor ihrem Martyrium auf dem Scheiterhaufen zu Zeiten der Christenverfolgung in Alexandria im 3. Jahrhundert n. Chr. die Zähne ausgerissen wurden. Als eine der zehn Nothelferinnen wird sie besonders bei Zahnschmerzen angerufen. St. Apollonia mit der Zahnzange taucht auch als Motiv einer Serie von Andy Warhol auf, die im nicht weit entfernten Museum hängt. Medzilaborce, der nächstgelegene Ort zum Dorf, aus dem die Eltern Warhola's stammten, hat das einzige europäische Museum mit einer ständigen Warholsammlung. Der Fantourismus hält sich sehr in Grenzen, auch Pension Andy, die einzige am Ort, scheint kaum von der Popart-Attraktion zu profitieren. Zwischen Bardejov und Medzilaborce liegt Svidnik. Svidnik hat saubere, weiße Plattenbauten auf begrünten Flächen, eine nagelneue orthodoxe Kirche, eine Kreuzung mit Ampeln, Billboards und beinahe amerikanisch wirkende Tankstellenzufahrten. Svidnik wurde im Krieg fast völlig zerstört, es liegt auf dem Weg zum Dukla Pass. Dahinter liegt auch "die Welt hinter Dukla", von deren verschrobenen Eingeborenen und gottesfürchtigen Alkoholikern der polnische Schriftsteller Andrzej Stasiuk erzählt. 150 000 Soldaten fielen 1944 hier im wochenlangen Kampf zwischen der Roten Armee und den Nazis. Im "Tal des Todes" fährt nun ein Skilift ab, in einer Kurve am Hang sind ein russisches Flugzeug, ein Flakwerfer und weiteres Waffenmobiliar in Angriffsposition arrangiert. Wie zu großes Spielzeug, ein Flügel schon in Fetzen, stehen die Kriegsmonster verloren in der abschüssigen Obstwiese mit kniehohen Blumen herum. Geländewagen der Armee sind ein Stück den matschigen Feldweg hinauf gehoppelt, statt aus Soldaten besteht die Besatzung jedoch aus rotbackigen WK-II-Touristen in Khaki-Freizeitkleidung. Ein Monument aus zwei Panzern, die ineinander verkeilt sind, (der russische unterwirft gerade siegreich den deutschen) am Dorfausgang von Svidnik ist ein beliebter Treffpunkt für junge Verliebte. Urlauber machen Fotos von ihren Söhnen. Ist hier tatsächlich alles so schön oder trügt uns der Schein? Auf den Feldern machen die Frauen Heu im Bikini. Die Straßen sind sorgfältig ausgebessert, alle Schlaglöcher des letzten Winters geflickt. Passend zu unserem Ethnotourismus dudelt der muselmanische Karawanensingsang des Pakistanis Nusrat Fateh Ali Khan aus dem Autokassettenrecorder: "Let the spirit move you". Dazu tänzelt die Landstraße in sanften Kurven durch verschlafene Dörfer und fette Wiesen. Männer im Unterhemd machen sich an ihren Gartenzäunen, Autos oder Zwetschgenbäumen zu schaffen. Manche stehen einfach herum, halten einen Schwatz und sonnen ihre Bäuche. Alles scheint gleichzeitig zu blühen, frühreife Astern konkurrieren mit Rosenhecken, Obstbäume beugen ihre vollhängenden Äste zu Boden, die Stoppelfelder sind ordentlich mit dem Rechen gekämmt, kaum ein Auto kommt uns noch entgegen. Plötzlich ist die Grenze da, unvermittelt, deplatziert, wo die ländliche Stille sich breit gemacht hat. Es gibt zwei Übergänge zwischen der Slowakei und der Ukraine. An beiden ist an diesem Montag Vormittag nichts los, zumindest auf der europäischen Seite. Die Visumpflicht ist einseitig. Kein vietnamesischer Billigmarkt, kein zollfreier Schnaps oder Zigaretten, kein Straßenstrich, wie er sich immer noch an den Grenzen Tschechiens zu Österreich und Deutschland gehalten hat. Es ist so still, dass man Stimmen, Lachen, Bellen, eine Motorsäge hört, bevor man Leute oder Tiere sieht. Sogar die Wespen sind zu lahm, um ein Wurstbrot rechtzeitig zu orten. Die Grillen surren wie ein Turbinenkraftwerk. Nicht weit von hier liegt Trebisov. Kein Stern auf der Landkarte. Am 18. Februar dieses Jahres wurden dort bei einem Aufstand der Roma der Billa-Supermarkt und weitere Geschäfte geplündert. Die Polizei schritt ein, Scheiben klirrten, ein paar Autos brannten. Der 18. jedes Monats ist das Datum, an dem die Sozialhilfe ausbezahlt wird. Im Februar wurde diese gekürzt. Um die Hälfte. 115 Euro bekommt nun eine achtköpfige Familie, das reicht auch in der für uns sehr billigen Ostslowakei kaum über eine Woche hinaus. Das soll auch so sein, das ist die erklärte Absicht der seit April wiedergewählten rechtsnationalen Regierung. Damit will man die arbeitsscheuen Wohlfahrtsempfänger "zur Arbeitssuche motivieren". Arbeit? Alex ist Maurer. Natürlich gibt ihm keiner Arbeit in dieser von bis zu 50 Prozent Arbeitslosigkeit geplagten Region. Alex kann ein paar Worte Deutsch, weil er in Halberstadt über ein Jahr auf seine Abschiebung gewartet hat. Auch er beklagt die 115 Euro Sozialhilfe, das soll für Frau und fünf Kinder reichen, oder waren es acht? Miete und Strom zahlt niemand hier. Alex lebt mit etwa 3 000 Roma in den verwahrlosten Hochhausblöcken von Lunik IX. Lunik am Rand von Kosice wurde einmal für städtische Angestellte als Prestigeobjekt errichtet. Kosice ist die zweitgrößte Stadt der Slowakei und nur ein paar Kilometer vom verzweifelt-rebellischen Trebisov entfernt. Nachdem man die Roma aus der Altstadt vertrieben hatte, um diese schick zu restaurieren, siedelte man sie hier an. Immerhin hat die verkommene Siedlung an der Ausfall-, besser Einfallstraße eine Bushaltestelle, die sie wie eine dünne Kapillare mit der Stadt verbindet. Viele Fensterscheiben sind zerbrochen, der Treppenaufgang des ersten Blocks hat keine mehr. Der Eingang ist verrußt, als ob er ausgeräuchert worden wäre. Balkone voller Wäsche. Eine apathische Ruhe liegt wie Mehltau über der Siedlung. kein Auto stört. Ein paar zerlegte Wracks dienen als Spielplatz. Geht hier niemand zur Schule? Es sind doch Ferien! Ein pummeliges Kind spricht ein paar Brocken französisch, weil es mit seiner Mutter eine Zeit lang in der Fußgängerzone von Brüssel gebettelt hat. Die Mädchen posieren für den Fotografen, die Brüder beobachten das genau.In der Bilderbuch-Stadtmitte von Kosice mit Museums-Straßenbahn und einem elektronisch illuminierten Musikspringbrunnen, da sind die Bewohner aus Lunik IX nicht präsent. Als gäbe es noch die Gesetze von 1927, die ihnen den Zugang zur Stadt untersagten, bleiben sie außen vor. Unbehelligt vom Jammer jenseits des Stadttors liegt die ehemals ungarisch-böhmische Stadt da, zufrieden, gediegen im Putz ihrer restaurierten Fassadenpracht. Es gibt sogar ein chinesisches Restaurant in der Fußgängerzone bei der Kirche, an den Holztischen unter gestreiften Markisen trinken die Bürger ihr 12-prozentiges Bier, im Dämmerlicht eines Internetcafés flackern Porno-Blobs auf. In einem dieser Jugendstil-Bürgerhäuser mit seinen steinernen Atlasstatuen wie aus dem Fitnesstudio wurde 1900 im damaligen Kaschau der ungarische Schriftsteller Sandor Marai geboren. "Die Glut" hieß sein wichtigster Roman. Nach 41 Jahren im amerikanischen Exil brachte Marai sich 1989 mit einem Revolverschuss um. Er wollte nicht mehr sehen, was "unter den Roten" aus seiner Heimat geworden war.Als wir Svinia endlich finden, dämmert es bereits. Hinter dem Ortsausgang des slowakisch bewohnten Dorfes biegt ein asphaltierter Feldweg in die Roma-Siedlung. Wir fahren in die Sackgasse hinein, aber wir kommen nicht mal die paar hundert Meter bis zur Kurve, die von einem Haufen abgeschlagener Äste und Bäume verbarrikadiert ist. Aber es ist plötzlich zu spät zum Umkehren. Ohne Übergang finden wir uns inmitten dieser "Insel der Dritten Welt", auf der Stelle eingekreist von von einem Schwarm Kinder, die uns kaum Platz zum Öffnen der Autotüren lassen. Um auszusteigen muss man zuerst die Fenster schließen. Fertig? Los. Ein herbeigelaufener Mann macht sich wortlos zu unserem Anführer. Mit ausholender Gebärde geleitet er uns bis zur Kurve, wo eine ansehnliche Ansammlung von Männern mit Beilen und Äxten stehen, die sie nun sinken lassen, um uns ungläubig anzustarren. Einer, der größte, zumindest imposanteste von ihnen, schüttelt dem Fotografen mit offizieller Miene fest die Hand. "Blutsbruder" nennen die Männer den ungewohnten Besucher mit der Kamera, der zu ihrer großen Freude noch schwärzer ist als sie selbst. Wir folgen dem stattlichen Anführer, dankbar und in der Hoffnung, dem Stimmengewirr und immer drängender werdenden Gewusel und Gezerre zu entrinnen, das uns wie die Ebbe den Sand unter den Füßen wegzuspülen scheint. Sprachlich ist keine Verständigung möglich. Die Hände der Kinder sind überall. Ein verschwitzter Arm unter dem Ellenbogen, Finger klammern sich um Finger, etwas Warmes krabbelt in meiner Rocktasche. Wie bleibt man cool, wenn man in einen Ameisenhaufen gefallen ist? Ignaz Cervenac, stellt sich der über und über tätowierte Mann vor, hat inzwischen einen Schlüssel organisiert und führt uns zum "Zentrum", ein Bretterverschlag, ein ehemaliger Bauwagen vielleicht. Drinnen staut sich stickige Hitze, alter Teppichboden liegt mehrlagig auf dem Boden, es gibt einen Tisch, einen Stuhl, dem ein Bein abgebrochen ist, eine mechanische Schreibmaschine ohne Farbband, ein Zertifikat in einem Holzrahmen an der Wand, ein paar Fotos in Klarsichthüllen, einen gedruckten Farbprospekt von einer Art Pfadfinderworkshop mit Ignaz. Wir gucken interessiert, aber die Schrift können wir nicht lesen. "Kanada!" sagt Ignaz mit Stolz und weist auf ein verblasstes rotes Ahornblatt an der Wand eines verschlossenen Holzhauses gegenüber, am Ende der Siedlung. Irgendeiner hat auch dazu den Schlüssel. Eine Gruppe kanadischer Gesundheitsexperten hatte hier offenbar ein Büro eingerichtet, um die Roma über sanitäre Kläranlagen aufzuklären. Von einem Studenten aus Arkansas, Craig Johnson, der in Svinia ein freiwilliges soziales Jahr absolvierte und die seinerzeit 657 Einwohner der Roma-Siedlung samt Familienbeziehungen in seinem Computer auflistete, berichtet auch Karl-Markus Gauß. Craig Johnson arbeitete bei "Habitat for Humanity International", einem religiös geprägten amerikanischen Entwicklungsprojekt, bei dem bescheidene, an den Grundbedürfnissen von Slumbewohnern orientierte Blockhäuser errichtet werden. Das Besondere daran: Die zukünftigen Bewohner werden durch Mitarbeit beim Bauen einbezogen, um sie Verantwortung und Wertbewusstsein für Eigentum zu lehren. Wer sagt, dass sie das wollen? Ein wenig erinnern die gut gemeinten Hilfs- und Erziehungsmaßnahmen an die kulturelle Kolonisation durch Buschmissionare. Svinia ist offenbar ein ideales "Projekt" für internationale Helferorganisationen. Davon lesen wir, sehen tun wir das alles nicht. Nicht die guten und nicht die verrottenden Blockhäuser, nicht die von Alkohol und Leid zerstörten Gesichter der Menschen in den Türlöchern und Fernsterhöhlen, nicht die von Schlamm und Kot verschmierten Fassaden, nicht die Mücken auf den Müllhaufen, nicht den schwelenden Rauch der Kochstellen, nicht die kindlichen Mütter in schlampigen Unterröcken, keine Hühner, Schweine oder Ziegen, aber das heißt nicht, dass das alles nicht da wäre. Nur wir sehen nichts. Weil uns das Blut stockt, wir die Luft anhalten vor Schreck, vor Gestank. Vor dieser plötzlichen Nähe, die uns Angst einflößt. Hunde, ja, die haben wir gesehen, die gibt es dort bei den "Hundeessern von Svinia", die trotz ihres auf einer alten Legende beruhenden Namens natürlich keine Hunde essen. Die erwachsenen Männer rauchen eine rituelle Zigarette zusammen, die Kinder nehmen Aufstellung und halten fast still für ein paar Fotos. Im Tross werden wir zurückgespült zwischen den vier Betonbaracken hindurch bis zur Kurve, wo der Holzhaufen jetzt ganz verlassen herumliegt, bis zu unserem Auto, das gerade von einer Schar Jugendlicher geschaukelt wird, als ob sie es wegtragen wollten über das freie Feld. So viele Kinder. In Jarovnice, in dem 1998 die Romasiedlung in den Schlammfluten der Mala Svinka versank und 53 Menschen mit ihr, tobt eine wilde Kinderschar nackt im Bach, als ob sich das Leben selbst mit einer wütenden Brut der Fruchtbarkeit rächen würde an der Ungerechtigkeit der Welt. Damals wurden die Spendengelder zwischen den Roma und den Gadsche, den Slowaken des Dorfes, aufgeteilt. Halbe-halbe. Die 800 Weißen, wie sich die Slowaken gegenüber den dunkelhäutigen Roma nennen, haben nun größere Satellitenschüsseln und neue Kühlschränke, und von den 3 000 Roma wohnen noch immer viele in den Containern der Katastrophenhilfe - manche haben inzwischen auch eine Satellitenantenne dran. Blühendes Unkraut wuchert beschönigend über die Elendsromantik. Im Schritttempo passieren wir an den Behausungen entlang, eine Filmkulisse, bei der man den Ton abgedreht hat. Eine verhaltene Stille sirrt hinter dem Alltagslärm. Unsere Blicke prallen unerwidert zürück. Sie sehen durch uns hindurch. Wir werden abgewehrt, indem man uns ignoriert. Selbst die skeptischen Halbwüchsigen mit Eminem-T-Shirt sind verschwunden. Es ist unheimlich. Nun, wo wir schamlos hätten gaffen und knipsen können, vergeht uns die Lust. Die Obszönität unseres Betrachtens wird uns bewusst. Sie haben ihre Erinnerung verloren, sagt Gauß über die Bewohner von Jarovnice. Als man das weggeschwemmte Dorf wieder aufbauen wollte, hätte keiner mehr sich erinnert an den vorigen Zustand. Vielleicht war es ihnen gleichgültig, hat der Ort nichts bedeutet? Weil ein Zigeuner keinen Wohnsitz anmeldet und keinen Anspruch auf Scholle mit Eigenheim? Wo leben die Barone? Bei den Parlamentswahlen kandidierten die Roma mit 19 Parteien gegeneinander. So kann das ja nichts werden, denken wir insgeheim. Und fahren davon. Wir wollen nicht mehr näher ran. Als ob das Licht plötzlich seinen warmen Ton verloren hätte, die Sonne fahl und krank geworden wäre, springen die schmutziggrauen Slums wie Flöhe aus den Postkartenlandschaften heraus. Jetzt sehen wir sie überall. Der Weichzeichner des schönen Wetters funktioniert plötzlich nicht mehr, als hätte die Sonnenbrille einen Sprung bekommen, dringt das Unsagbare direkt ins Bild. An jeder Biegung drängen sich nun die windschiefen Verschläge zusammen, jeder Dorfausgang wird belagert von Zusammenrottungen der erbärmlichsten Behausungen. In Rudnany, auf dem vergifteten Gelände einer Kupfermine, in Hermanovce, in einer Bachsenke, in Spisske Podhradnie unter der weißesten aller surrealen Burgruinen, wo der Bürgermeister noch 1993 versuchte, den Roma und anderen "verdächtigen" Personen die Bürgerrechte abzusprechen. Wir wollen nicht mehr sehen, wir wollen fort. Die Flöhe kommen mit.------------------------------Foto: Die Siedlung Lunik IX bei Kosice, ehemals Kaschau in der Ostslowakei------------------------------Foto: Das Zentrum der Roma-Siedlung von Svinia------------------------------Foto: In der Mitte: Ignaz Cervenac, Vorsitzender der Bürgervereinigung der Roma-Siedlung von Svinia.------------------------------Foto: Jarovnice: Die Roma erhielten nur die Hälfte der Spendengelder für den Wiederaufbau.------------------------------Foto: Jarovnice: 1998 überschwemmte die Mala Svinka das Roma-Dorf.------------------------------Foto: In Rudnany wohnen die Roma auf dem vergifteten Gelände einer Kupfermine.

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