Am Ende beugt sich Gregor Gysi genüsslich nach vorn und gibt Margot Käßmann einen Rat: "Sie müssen Politiker auch weiterhin nerven. Wenn Sie das lange genug tun, werden Sie sich durchsetzen." Margot Käßmann lacht, sie schaut aber auch ein bisschen irritiert. Denn nerven im Gysi'schen Sinne ist nicht das, was sie will. Käßmann ist seit 1999 Bischöfin der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche in Hannover und seit Oktober 2009 die Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche Deutschlands. Sie war Gemeindepfarrerin auf dem Land, Präsidentin des Evangelischen Kirchentages und mit 25 Jahren jüngstes Mitglied im weltweiten Ökumenischen Rat der Kirchen. Immer wollte und will sie dabei vor allem für ihre Kirche und ihren Glauben werben. Glauben, sagt sie, ist eine Frage des Vertrauens. Des Gottvertrauens. Dass sie sich bei der Wahl zur Ratsvorsitzenden mit großer Mehrheit durchsetzte, dass ihr auch Anders- oder Nichtgläubige gern zuhören, dass sie nie aufgesetzt und prätentiös, sondern stets wahrhaftig wirkt, hat mit dem hohen Grad an Bewusstheit zu tun, der ihrem Glauben und Denken eigen ist: Man glaubt ihr, dass sie frohen Herzens und freien Sinnes ihrem Gott vertraut. Was sie sagt und tut, das sagt und tut sie nicht aus strategischen Gründen. Sie entwirft keine Pläne, um die Politiker und die Öffentlichkeit zu nerven oder zu bezirzen. Margot Käßmann ist eine glänzende Predigerin und kluge Theologin. Vor allem aber ist sie eine freudige, lebenszugewandte Christin.Deshalb hat sie auch, sagte sie gestern Vormittag in der Gesprächsreihe "Gregor Gysi trifft Zeitgenossen" am DT, der Wirbel um ihre Dresdner Neujahrspredigt so überrascht. In einer langen Reihe zählte sie damals auf, was in unserer Gesellschaft alles nicht gut ist. "Nichts ist gut in Sachen Klima", so Käßmann, "und nichts ist gut in Afghanistan". Die aufgekratzte Medienöffentlichkeit hat sie danach zur plumpen Pazifistin stilisiert. Gelassen, aber deutlich reagiert sie darauf: "Wenn man überrascht ist, dass eine Kirche zum Frieden mahnt, ist das schon sehr komisch." Und ja, sie würde diese Predigt wieder so halten. Nicht aus Trotz und nicht aus populistischen Gründen, sondern weil es ihrem Glauben und Gottesbild entspricht.Käßmann ist sichtlich froh, dass im letzten Jahr 30 000 Menschen wieder in die Evangelische Kirche eingetreten sind (und nicht nur 160 000 sie verließen); das aber sind nur Zahlen. Sie will eine Kirche, die nah an den Erfahrungen der Menschen ist, will mehr "versöhnte Verschiedenheit" in der Ökumene und weniger dogmatische Streitereien. Nichts ist ihr ferner als eine Kirche, die ihre Gläubigen wie Parteimitglieder verwaltet. Gysi hat mehrfach versucht, ihr politisch und medial verwertbare Schlagworte zu entlocken. Und Käßmann hat zu Afghanistan genauso wie zur Klima- oder Bildungspolitik klare Positionen. Sie sind immer an Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung ausgerichtet. Auf die politische Dimension ihres EKD-Ratsvorsitzes lässt sie sich jedoch nicht verkleinern. Sie bleibt auch an diesem Sonntagmorgen zur Gottesdienstzeit immer bei dem, was Kirche für sie ist: eine vertrauensstiftende Gemeinschaft der Gläubigen.------------------------------Foto: Pastorin, Bischöfin und Ratsvorsitzende der EKD: Margot Käßmann.