MOSKAU, 14. Juni. Präsident Boris Jelzin hatte seine Gesellschaft zu den Unabhängigkeitsfeiern am Wochenende im Kreml-Saal demonstrativ gewählt. An seinem Tisch saßen Verteidigungsminister Igor Sergejew, daneben Generaloberst Leonid Iwaschow, der in der vergangenen Woche versucht hatte, Pentagon-Vertretern die Zusage für einen russischen Sektor im Kosovo abzuhandeln, und Generalstabschef Anatoli Kwaschnin, der auf Anweisung Jelzins den russischen Friedenstruppen in Bosnien den Befehl gegeben hatte, den Flughafen von Pristina unter Kontrolle zu nehmen.Die Blitzoperation hat zwei Ziele erreicht. Sie entkräftete die panslawistische Kritik der nationalistischen Opposition an der russischen Verhandlungsführung und stabilisierte die Position des Präsidenten. Zugleich aber bekamen die russischen Militärs auch einen wichtigen Trumpf für die Verhandlungen über einen russischen Sektor in die Hand. Schon als Jewgeni Primakow kurz nach Kriegsbeginn zu ersten Gesprächen nach Belgrad flog, soll er nach Berichten der offiziösen "Russkaja Gaseta" einen Teilungsplan für das Kosovo im Gepäck gehabt haben. Der Norden sollte mit der Hauptstadt Pristina an Jugoslawien fallen, der Süden von der Nato kontrolliert werden. Als schließlich im Mai die konkreten Verhandlungen über den Einmarsch der Internationalen Friedenstruppe begannen, hatte der Moskauer Generalstab konkrete Pläne über einen russischen Verantwortungsbereich im Norden des Kosovo.Offiziell begründete Moskau seine Vorliebe für den Norden mit der Sorge um die dort lebende serbische Bevölkerung. Allerdings liegen dort neben den serbisch-orthodoxen Klöstern und Kirchen auch strategische Rohstofflager. Russische Geopolitiker verwiesen von Beginn an darauf, daß es die Nato bei ihrer Kosovo-Aktion darauf abgesehen hatten, die Kontrolle über die reichhaltigen Vorkommen an Chrom, Wolfram, Nickel und Blei im Nordkosovo zu erringen. Insgesamt 35 Prozent der Weltvorräte an Chrom liegen in Albanien und im Kosovo. Chrom, Wolfram und Ferrochrom haben zentrale Bedeutung für die internationale Rüstungsindustrie. Die Weltbank hat in einem Memorandum als Ziel formuliert, Möglichkeiten für eine internationale Ausbeutung der Vorräte zu schaffen, heißt es in Moskau. Allerdings ist der Verweis auf die Weltbank fadenscheinig. Rußland ist nicht weniger an den Rohstoffen interessiert. Seit Anfang der 90er Jahre unterschrieben Moskau und Belgrad einige Abkommen über deren Förderung und Aufbereitung. Jugoslawien plante den Export von Chrom und Chromlegierungen nach Rußland. Insgesamt hätte Rußland mit der gemeinsamen Ausbeutung nach Schätzungen von Wirtschaftsfachleuten jährlich eine bis anderthalb Milliarden Dollar einnehmen können. Für Jugoslawien ist der Norden des Kosovo die wichtigste Einnahmequelle für Devisen. Ein russischer Kfor-Sektor dort ist somit nicht nur eine psychologisch wichtige Garantie für die serbische Bevölkerung, ihre Klöster und Kirchen, sondern auch für die ökonomischen Interessen Belgrads und Moskaus. Abgesehen davon, daß ein russisches Gebiet ein Brückenpfeiler für den künftigen russischen Einfluß auf dem gesamten Balkan wäre.