BERLIN, 19. September. Die Nacht beginnt in Deutschland um 20 Uhr. Der Gesetzgeber hat dies im Paragraf 3b des Einkommensteuergesetz (EStG) so vorgeschrieben. Ab dieser Zeit verzichtet der Staat nämlich auf eine Besteuerung von Lohnzuschlägen für Nachtarbeit. Das heißt, für Zahlungen, die der Arbeitnehmer zusätzlich zu seinem normalen Grundgehalt erhält, braucht er keine Steuern und keine Sozialabgaben zu entrichten. Ab sechs Uhr morgens hält der Fiskus die Hand wieder auf. Diese Steuerbegünstigung gilt auch für Sonntags- und Wochenendarbeit. Viertgrößte SubventionAngesichts leerer Staatskassen haben Politiker die Regelung seit einiger Zeit ins Visier genommen. Denn immerhin verzichtet durch die steuerfreien Zuschläge der Staat laut Subventionsbericht auf rund zwei Milliarden Euro im Jahr. Damit rangiert die steuerliche Privilegierung der Sonderzuschläge auf Platz vier der wichtigsten Steuervergünstigungen.Der Bund der Steuerzahler (BdSt) fordert eine Streichung der Vergünstigung, die von den Nationalsozialisten im Zweiten Weltkrieg eingeführt wurde. Damals sollte ein Anreiz für Arbeiter in der Waffenproduktion geschaffen werden und nicht ein Ausgleich für Krankenschwestern, die rund um die Uhr Verwundete pflegten. Heute sei die Regelung nicht mehr zeitgemäß, sagt der BdSt. Wie das Beispiel der Diskussion um Profisportler zeige, entfalte die Regelung eine Streuwirkung, sagt der Präsident des BdSt, Karl-Heinz Däke. Er fürchtet: "Demnächst kommen womöglich auch noch Spitzenmanager auf die Idee, ihre Gehälter in Grund- und Zusatzleistungen zu teilen." Das könne dann keiner mehr kontrollieren. Aus Sicht der Gewerkschaften ist der Verzicht des Staates gerechtfertigt. "Nachtarbeit ist besonders belastend, deshalb sollen die Zuschläge auch in vollem Umfang bei den Beschäftigten ankommen", sagt Dirk Völpel-Haus von Verdi. Der Experte für den Bereich Kliniken hat dabei vor allem Krankenschwestern im Blick. Sie rechnen fest mit den unversteuerten Zulagen. Die nicht hoch sind. Beispielsweise erhalten sie pro Stunde Nachtarbeit 1,25 Euro zusätzlich zu ihrem Grundlohn. Der Betrag wird in Tarifverträgen vereinbart. Damit der Paragraf 3b des Einkommensteuergesetzes nicht ausgenutzt wird, hat der Gesetzgeber Höchstgrenzen festgelegt. Bei Nachtarbeit bleiben Sonderzahlungen in Höhe von 25 Prozent des normalen Grundlohns von der Steuer befreit. Sonntags erhöht sich dieser Betrag auf 50 Prozent und an gesetzlichen Feiertagen dürfen sogar 125 bis 150 Prozent des Lohnes noch einmal vom Arbeitgeber auf das Gehalt draufgelegt werden, ohne dass der Staat dafür Steuern kassieren kann. Insgesamt erhalten laut Verdi mehr als 90 Prozent der in Schichtarbeit Beschäftigten Zuschläge, die unterhalb der Freibeträge liegen. Für den Einzelnen ist der Zuschlag oftmals ein bedeutender Teil seines Haushaltseinkommens, wie eine Beispielrechnung einer verheirateten Krankenschwester mit der Steuerklasse vier verdeutlicht. Rund 360 Euro ihres Bruttomonatslohns in Höhe von 2 285 Euro erhält sie als Zuschlag für Nacht-, Sonn- und Feiertagsarbeit. Würde sie darauf Steuern zahlen, rechnet Verdi vor, hätte die Krankenschwester unter dem Strich jeden Monat knapp 96 Euro weniger zur Verfügung. Eine Nettolohnkürzung von immerhin 6,4 Prozent."Schichtzulagen an Fußball-Profis sind unmoralisch. " Karl-Heinz Däke, Steuerzahlerbund.