Eigentlich hatten sie beim Windradhersteller Enercon damals gedacht, dass ihre Erfindung gut geschützt sei. Es war eine Technologie, die dem Unternehmen einen Wettbewerbsvorsprung geben sollte. Als das Unternehmen die Erfindung in den Vereinigten Staaten vermarkten wollte, gab es allerdings eine böse Überraschung. Ein Konkurrent beanspruchte die Innovation für sich. Später erklärte tatsächlich ein NSA-Mitarbeiter, dass er bei Enercon spioniert habe und die Erkenntnisse an Kenetech gegeben wurden.

Es sind böse Erinnerungen, die derzeit wach werden, angesichts der riesigen Spähprogramme der NSA in Deutschland. Die Industrie verlangt Aufklärung. „Die aktuellen Medienberichte über das Ausmaß der Überwachung und Speicherung von Daten durch die NSA sind auch aus Sicht der deutschen Industrie beunruhigend“, so Stefan Mair, Mitglied der Hauptgeschäftsführung des Bundesverbandes der deutschen Industrie. „Wir wissen derzeit nicht, in welchem Umfang deutsche Unternehmen von den Aktivitäten der NSA betroffen sind.“

Wer kennt wen?

Es gibt immer wieder Momente, in denen sich deutsche Manager darüber wundern, dass US-Konkurrenten plötzlich Technologien besitzen, die in deutschen Betrieben entwickelt wurden. Ob die NSA der Grund dafür ist, ist unklar. Trotzdem: „Jetzt gehen natürlich die Alarmglocken an“, sagt Rainer Glatz vom Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau. „Wenn die NSA-Programme in Richtung Wirtschaftsspionage gehen sollten, geht das an die Grundfeste der deutschen Industrie“, erklärt er. „Wir verlangen Aufklärung.“

Der Verlust von Firmengeheimnissen kann für Unternehmen einen schweren, im schlimmsten Fall sogar existenzbedrohenden Schaden bedeuten. Jahrelange und teure Entwicklungen können auf einen Schlag verloren, Wettbewerbsvorteile eingebüßt werden. Für Wirtschaftsspionage sind deutsche Erfindungen hochinteressant. „Dies weckt Begehrlichkeiten von Konkurrenzunternehmen und fremden Staaten“, so der Verfassungsschutzbericht 2009. Aber auch eine Kundendatenbank kann für konkurrierende Firmen sehr wertvoll sein.

Die NSA behauptet zwar, keine Inhalte auszuspähen, sie überwacht aber Telefon- oder E-Mail-Verbindungen. „Kommunikationsdaten können aus wirtschaftlicher Sicht sehr interessant sein“, sagt Sicherheitsspezialist Alexander Geschonneck von der Beratungsfirma KPMG. Selbst wenn jemand von außen die Kommunikationsinhalte nicht erfahre, so könne er aufgrund der Verbindungsdaten erkennen, wer mit wem wann kommuniziert hat. Spannend sei zum Beispiel zu wissen, ob ein Unternehmen in intensivem Kontakt mit einer Bank oder einer Anwaltskanzlei steht, die bekannt ist für ihre Beratertätigkeit bei Übernahmen – oder ob es ständigen Kontakt mit einer bestimmten Forschungseinrichtung gibt.

Äußerungen des früheren NSA-Technologiespezialisten und Whistleblowers William Binney lassen darauf schließen, dass sich mit den NSA-Daten auch Wirtschaftsspionage betreiben lässt. Für die deutsche Wirtschaft dürfte zudem beunruhigend sein, dass die US-Geheimdienste nach Recherchen des Informationsdienstleisters Bloomberg ein Programm haben, in dem Unternehmen und Geheimdienste Informationen austauschen. Damit steht die Frage im Raum, ob es sich dabei auch um wirtschaftlich interessante Informationen handelt.