Washington - Die US-Justiz hat nach Informationen der „Washington Post“ den in Hongkong untergetauchten Enthüller Edward Snowden offiziell der Spionage beschuldigt. Wie die Zeitung am Freitag (Ortszeit) auf ihrer Internetseite berichtete, wirft die Staatsanwaltschaft dem 29-Jährigen in einer ersten Anklageschrift außerdem Diebstahl und Weitergabe von Regierungseigentum vor.

Snowden war Angestellter der Servicefirma Booz Allen Hamilton und arbeitete für die National Security Agency (NSA). Die Strafanzeige wurde vor über einer Woche im Bundesstaat Virginia eingereicht. Aus US-Kreisen verlautete zudem, die Behörden bereiteten einen Auslieferungsantrag an Hongkong vor. Dort soll sich Snowden verstecken.

Die US-Justiz stellte den Angaben zufolge einen Haftbefehl gegen Snowden aus und bat die Behörden in Hongkong, diesen zu vollstrecken.

"Tempora" soll noch größeren Umfang haben

Derweil berichtet der "Guardian", dass der britische Geheimdienst GCHQ Telefon- und Internetkabel anzapft und große Mengen von persönlichen Informationen an die US-Behörde NSA weitergibt. Das Programm mit dem Namen „Tempora“ bestehe seit etwa eineinhalb Jahren, berichtete das Blatt am Freitag auf seiner Webseite. Demnach zapfen die Geheimdienstler Glasfaserkabel an, durch die der transatlantische Datenverkehr abgewickelt wird. Die Informationen dürften bis zu einem Monat lang gespeichert werden.

Der „Guardian“ beruft sich ebenfalls auf Dokumente, die ihm von Snowden zugespielt wurden. Der britische Geheimdienst Government Communications Headquarters (GCHQ) arbeitet seit Jahrzehnten mit der NSA eng zusammen. Beide Behörden kooperieren zudem mit Geheimdiensten in den Kanada, Australien und Neuseeland. Dabei sei der Umfang von "Tempora" noch größer als der von "Prism".

Die Enthüllung dürfte den Druck auf die britische Regierung erhöhen, zu erklären, wie sie Daten sammelt und nutzt. Ein GCHQ-Sprecher lehnte einen Kommentar ab. Dem Bericht zufolge erfolgt die Spähaktion der Briten mit Hilfe von Firmen, die nicht genannt wurden. Sie seien per Gerichtsbeschluss zur Zusammenarbeit gezwungen worden und müssten die Anordnungen geheim halten.

Außenminister William Hague sagte kürzlich, der GCHQ halte sich bei der Auswertung von Spähaktionen immer an britisches Recht. Über eine Zusammenarbeit mit US-Geheimdiensten machte er keine Angaben. Snowden hatte in diesem Monat weltweit für Aufregung gesorgt, weil er dem „Guardian“ und der „Washington Post“ Informationen über ein US-Spähprogramm namens „Prism“ zuspielte. Dabei werden mit Hilfe von Internetkonzern große Mengen von Daten ausgewertet.

Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger hat sich entsetzt über die Berichte gezeigt. „Treffen die Vorwürfe zu, wäre das eine Katastrophe“, erklärte die Ministerin am Samstag in Berlin. Die Vorwürfe gegen Großbritannien klängen nach einem Alptraum a la Hollywood. „Die Aufklärung gehört sofort in die europäischen Institutionen“, forderte die stellvertretende FDP-Vorsitzende.

Obama verteidigt "Prism"

US-Präsident Barack Obama hat die Geheimdienstarbeit verteidigt und argumentiert, dass eine Balance zwischen Terrorismusabwehr und Datenschutz gefunden worden sei. Am Freitag traf er sich mit einem Gremium für Bürgerrechte, um Bedenken zu zerstreuen. Auch hochrangige Kongressabgeordnete haben das Programm verteidigt. (Reuters, dpa)