MADRID, im Februar. In den Erdbeerfeldern von Huelva, in den Olivenhainen von Jaén, in den Orangenplantagen von Valencia oder in den Gemüsezuchten von Almería ist der Frühkapitalismus noch nicht zu Ende. Wenn die Erntezeit naht, brauchen die kleinen und großen Agrarindustriellen in Spaniens Süden jede Menge Hände. Und die Hände kommen. Wie ein Wanderzirkus ziehen Tausende von Menschen durch Spanien von Region zu Region, sind pünktlich zum Erntebeginn in den Dörfern und hoffen auf Arbeit. Früh morgens versammeln sich die Wanderarbeiter auf den Dorfplätzen oder am Rand einer Landstraße, bis einer kommt und so viele von ihnen aufliest, wie er braucht. Keiner fragt nach Papieren, keiner verlangt Verträge. Am Ende des Tages gibt s Bargeld auf die Hand. Und wenn alles gut läuft am nächsten Tag den selben Job nochmal. Rechtlose ArbeitskräfteDas Spiel funktioniert, weil es Menschen gibt, die froh sind, zu solchen Bedingungen zu arbeiten: Immigranten, die illegal nach Spanien eingereist sind. Sie haben in wackligen Booten auf der Straße von Gibraltar ihr Leben riskiert, sie sind als Tourist gelandet und geblieben oder in einem Lastwagen versteckt über die Grenze gerollt. Ohne Papiere finden sie keinen regulären Arbeitsplatz, aber in der Schattenwirtschaft werden sie mit offenen Armen empfangen. Angebot und Nachfrage nähren sich gegenseitig: Die Plantagenbesitzer profitieren von der prekären Lage der "Illegalen". Die Immigranten kommen, weil sie gehört haben, dass man sich in Spanien auch ohne Papiere ganz gut durchschlagen kann. Mehr als in ihrem Heimatland verdienen sie allemal. In der spanischen Agrarindustrie arbeiten zwar nicht nur Ausländer ohne Papiere und ohne Verträge. Aber kaum ein Produktionszweig ist so sehr auf flexibel einsetzbare und billige Arbeitskräfte angewiesen wie die spanischen Intensivkulturen. Da kommen die Immigranten gerade recht. Nebenbei lassen sich Steuern und Sozialabgaben sparen.Ähnlich wie in Deutschland sind in Spanien immer weniger Einheimische bereit, harte körperliche Arbeit für wenig Geld zu leisten. Das betrifft nicht nur die Landwirtschaft, sondern auch den Bau. Auf den Plantagen arbeiten vor allem Afrikaner, aber auch Lateinamerikaner. Auf den Baustellen sind es neben den Südamerikanern vor allem Osteuropäer, die die immer ungeliebtere Arbeit machen. Ob sie Papiere haben oder nicht. Für die Schattenwirtschaft hat sich in Spanien das Wort "economía sumergida" eingebürgert - die "abgetauchte Wirtschaft". Nach Schätzungen der Europäischen Union produziert sie in Spanien zwischen 21 und 22 Prozent der regulären Wirtschaftsleistung. Bei steigender Tendenz. Zum Vergleich: In Deutschland wird das Ausmaß der Schattenwirtschaft auf rund 16 Prozent des offiziellen Bruttoinlandprodukts geschätzt. Neues PhänomenDer Einsatz illegal eingereister Ausländer ist dabei in Spanien ein relativ neues Phänomen. Ihre Zahl hat sich seit 1996 auf vermutlich rund anderthalb Millionen verdreifacht. Im nordafrikanischen Marokko sind inzwischen schon Drogenbarone auf den Schmuggel von Arbeitskräften nach Spanien umgestiegen. Kein neues Phänomen ist allerdings die Unlust der Spanier, für den Fiskus zu arbeiten. "Mit Rechnung oder ohne Rechnung?", das ist eine ganz selbstverständliche Handwerkerfrage an den Kunden. Jeder kleine Unternehmer versucht, seine offiziellen Einkünfte auf ein Minimum zu reduzieren. Und alle spielen mit. Denn Schwarzarbeit hat keinen schlechten Ruf in Spanien - die Plantagenbesitzer und Baufirmen, die nicht nur den Staat übers Ohr hauen, sondern auch ihre rechtlosen Tagelöhner, allerdings schon.Foto: Harte Arbeit, wenig Geld: Olivenernte in der Nähe von Ubeda in der spanischen Provinz Jaén.