Normalerweise kann Peer Steinbrück so schnell nichts aus der Fassung bringen. Um einen flotten Spruch oder einen ironischen Konter ist er nie verlegen. Doch am Sonntag versagt dem 66-Jährigen plötzlich die Stimme. Der Kanzlerkandidat der SPD kämpft mit den Tränen. Nur mühsam kann er seine Gesichtszüge beherrschen.

Peer Steinbrück sitzt mit seiner Frau Gertrud in zwei roten Sesseln auf der Bühne des SPD-Parteikonvents. Die Zuschauer im Berliner Tempodrom werden Zeugen einer Szene, wie sie rar ist im politischen Alltagsgeschäft: Ein Moment der persönlichen Betroffenheit, den man nicht inszenieren könnte. Die Fernsehmoderatorin Bettina Böttinger hat mit Gertrud Steinbrück über das öffentliche Bild ihres Mannes gesprochen. Und die resolute Lehrerin, die zuvor ihre Kritik an dessen Kandidatur durchaus nicht zurück gehalten hat, stärkt ihm nun entschieden den Rücken.

Sie finde, der emotionale, der berührbare Mensch werde komplett ausgeblendet. Stattdessen werde ihr Mann als hart, kantig und unwirsch geschildert: „Das finde ich schwer zu ertragen.“ Man solle, sagt die 63-Jährige, sich fragen, warum sich ihr Mann das wohl alles antue: „Der muss doch etwas bewegen wollen!“

Er will sich nicht bemitleiden lassen

Freundlich hakt Böttinger beim Kandidaten nach. Doch es geht nicht. Steinbrück muss die Antwort schuldig bleiben. Seine Frau will nach seiner Hand greifen. Er wehrt ab. Schlimm genug, dass die Öffentlichkeit erfährt, wie sehr ihn die monatelangen, teils hämischen Kommentare zu seinen tatsächlichen und vermeintlichen Fehlern getroffen haben. Er will sich nicht auch noch bemitleiden lassen. Es ist ein Gänsehautmoment. Instinktiv springen die Delegierten von ihren Plätzen und spenden Applaus.

Tatsächlich verändert der gemeinsame Auftritt mit seiner Frau den Kanzlerkandidaten. Er wirkt weicher, sympathischer und auch humorvoller als in den vergangenen Wochen. Dabei hatte das Ehepaar ursprünglich jeden gemeinsamen Auftritt verweigert. Das Private sollte privat bleiben. „Er hat sich doch beworben, nicht ich“, sagt Gertrud Steinbrück schnoddrig. Nun ist sie doch mitgekommen und leistet den entscheidenden Beitrag zur Menschwerdung des Finanz-Technokraten.

Allein die Frau an seiner Seite wird sie trotzdem nicht sein: „Ich kann keine Michelle Obama geben.“ Die Zuschauer erleben die promovierte Biologin als unabhängige und unverkrampft emanzipierte Frau. Sie berichtet von ihrem Kennenlernen, von den glücklichen Abenden beim Scrabble vor der Kandidatur, von den kurzen Telefonaten jetzt, von seinem schwierigen Verhältnis zu Computern, seiner Passivität im Haushalt („er stört nicht“) und seinem für sie inakzeptablen Tick, Schiffsmodelle zu bauen: „Die Werft hat geschlossen“.

Wie das alles wird nach dem 22. September? Darüber habe sie sich noch keine Gedanken gemacht, sagt Gertrud Steinbrück: „Wir müssen diese 100 Tage durchstehen und dann sehen wir weiter. Im Zweifel wird es spannend. So etwas erlebt man ja nicht alle Tage.“

Kein schlechtes Motto – auch für den Kandidaten.