Spektakulärer Mordprozess 45 Jahre nach der Tat: Unschuldig und damit basta!

HELSINKI, 21. August. Entspannt sitzt Nils Gustafsson vor den Journalisten im Gerichtsgebäude von Espoo bei Helsinki. Der erste Verhandlungstag ist vorüber, und der 63-jährige pensionierte Busfahrer stellt sich der Presse, um erneut seine Unschuld zu beteuern. Dreifachen brutalen Mord wirft die Anklage Gustafsson vor - ausgeführt vor 45 Jahren.Am Pfingstwochenende 1960 waren vier Jugendliche, zwei achtzehnjährige Jungen und zwei fünfzehnjährige Mädchen, mit ihren Motorrädern zum Camping an den Bodom-See bei Helsinki gefahren. In den frühen Morgenstunden des 5. Juni löste ein Unbekannter die Zeltschnüre und stach mit einem Messer wahllos auf die Jugendlichen ein. Eines der Mädchen wurde mit einem Stein erschlagen. Die Tatwaffen wurden nie gefunden. Nur einer überlebte mit schweren Verletzungen an Bauch, Nacken und Kiefer - Nils Gustafsson. Wegen seiner Verletzungen gehörte der Jugendliche nie ernsthaft zu den Verdächtigen. Er sei während des Angriffs aus dem Zelt gekrochen und vom Täter niedergeschlagen worden, berichtete er damals. Unter Hypnose gab er eine vage Täterbeschreibung. Heute kann er sich bis auf einen nächtlichen Angelausflug an keine Einzelheiten in dieser Nacht mehr erinnern. Wenn er sich an nichts mehr erinnern könne, woher wisse er dann, dass er unschuldig sei, fragte ein Journalist. "Ich bin unschuldig und damit basta!", antwortete Gustafsson.Der Mord an den drei Jugendlichen hat die Finnen stark berührt und immer wieder beschäftigt. Zahlreiche Personen bezichtigten sich der Tat, auch ein Deutscher zählte vorübergehend zum Kreis der Verdächtigen. Erst als alle Ermittlungsstränge abgeschlossen waren, konzentrierte sich die Polizei auf Gustafsson. Neue, in den 60er-Jahren noch nicht bekannte kriminaltechnische Untersuchungsmethoden, wie DNA-Untersuchungen der Blutspuren an Kleidung und Schuhen, führten schließlich zu seiner Verhaftung.Trotzdem bleibt über 45 Jahre nach dem Verbrechen genug Raum für Spekulationen. Lebhaft wird der Fall im Internet diskutiert. Gustafssons Angaben über den Ablauf des Pfingstwochenendes sind widersprüchlich, auch die noch lebenden Zeugen können sich nach all den Jahren nicht mehr an jedes Detail erinnern. Staatsanwaltschaft und Verteidigung streiten unter anderem über Gustafssons Schuhe, seine Verletzungen und einen Kopfkissenbezug. Jedes Beweisstück ist Teil eines Puzzles, das zwei völlig verschiedene Bilder ergibt - je nach Interpretation. Das Blut an Gustafssons Schuhen, die mehrere hundert Meter vom Tatort entfernt gefunden wurden, zeige eindeutig, dass der Täter diese Schuhe getragen hat, argumentieren die Staatsanwälte. Nichts weise aber darauf hin, dass Gustafsson sie getragen hat, sagt die Verteidigung. Strittig ist auch, welche Rolle ein blutbefleckter Kopfkissenbezug spielt, in dem sich Reste von Sperma fanden, die keinem der Jungen zuzuordnen waren.Und das Motiv? Es gibt keines, so die Verteidigung. Eifersucht und Wut, sagen die Staatsanwälte. Während der Freund mit einem der Mädchen liiert war, habe das andere Mädchen Gustafssons Annäherungsversuche abgewiesen.Auch im Falle eines Schuldspruches könnte Gustafsson auf freiem Fuß bleiben, sofern das Gericht die Tat als Totschlag und nicht als Mord bewertet. Denn der Totschlag ist mittlerweile verjährt.------------------------------Foto: Nils Gustafsson im Gerichtssaal: Hat er drei Menschen umgebracht?