POTSDAM. Kein Stadtparlament war gezwungen, sich mit diesem Thema zu beschäftigen. Einige taten es trotzdem. Sie wollten ein Zeichen setzen; wollten sich zur moralischen Mitschuld bekennen, die die Städte für die Ausbeutung von tausenden Zwangsarbeitern während der NS-Zeit tragen. Deshalb riefen die Stadtverordneten von Brandenburg/Havel und Königs Wusterhausen im vorigen Jahre ihre Mitbürger zu Spenden für den Entschädigungsfonds für Zwangsarbeiter auf. Auch die Potsdamer Stadtparlamentarier taten dies am 6. Dezember. Sie selbst sammelten an jenem Tag 2 225 Mark. Dies war als Signal an die Potsdamer gedacht. Oberbürgermeister Matthias Platzeck (SPD) gab das Ziel vor: Für eine Stadt mit über 100 000 Einwohnern wäre 15 000 Mark eine Blamage."Was sollen wir denn machen?"Nun ist sie da, die Blamage. Zur Summe der Politiker kamen laut Stadtverwaltung gerade mal 1 815 Mark aus der Bevölkerung hinzu. "Was sollen wir denn machen?" fragt Andreas Mühlberg, Chef der SPD-Mehrheitsfraktion. Man habe die Werbetrommel gerührt und den Aufruf in öffentlichen Gebäuden ausgelegt. "Mehr ist nicht drin", sagt er. Die Bürger sollen freiwillig spenden, man könne sie nicht mit moralischen Appellen traktieren, das erzeuge das Gegenteil. Außerdem liege die Peinlichkeit eher bei der deutschen Wirtschaft. Der fehle für ihren Beitrag zum Fonds noch über eine Milliarde Mark. Und das trotz einer erregten öffentlichen Debatte.Die Erfolgsbilanz in Königs Wusterhausen und Brandenburg ist zwar auch nicht überwältigend - aber deutlich besser als in der Landeshauptstadt. Brandenburg war die erste Stadt im Land, die Anfang 2000 ihre 80 000 Einwohner zu Spenden aufrief. Bis jetzt kamen 16 000 Mark zusammen. "Das Geld geht nicht an den Entschädigungsfonds", sagt der Initiator des Aufrufs, Friedrich von Kekulé (CDU). Der Betrag sei auch zu niedrig, um für die ehemalige Zwangsarbeiter "etwas bewegen" zu können. Deshalb will der Stadtabgeordnete anregen, dass das Geld dem "Erinnerungsaustausch" dient. Zeitzeugen aus Osteuropa sollten in die Stadt kommen und ihre Erlebnisse den Jugendlichen nahe bringen.Ebenfalls ausdrücklich für die Jugendarbeit will Königs Wusterhausen seine Spende verwendet wissen. Das Geld soll weder dem Anteil der Wirtschaft noch dem des Bundes zugeschlagen werden, die sich verpflichtet haben, je zur Hälfte den Zehn-Milliarden-Mark-Fonds zu füllen. Anfangs entwickelte sich auch die Königswusterhausener Sammlung zur Peinlichkeit. Im September 2000 verabschiedeten die 28 Stadtverordneten einstimmig ihren Spendenaufruf an die Bevölkerung - zwei Monate später hatte erst jeder zweite Abgeordnete gespendet. Zu ihren 2 165 Mark kamen 400 Mark von Einwohnern der Stadt. "Noch heute verstehe ich nicht, dass sich nicht gleich alle Stadtverordneten beteiligten", sagt Bürgermeister Jochen Wagner (SPD). Inzwischen ist er aber stolz auf das Ergebnis. Fast 15 000 Mark überwiesen 48 Bürger. Nachfragen der "Berliner Zeitung" bei den Fraktionsvorsitzenden ergaben, dass nun auch alle Parlamentarier Geld überwiesen haben. Nur ein Mitglied der PDS-Fraktion will nicht. "Er sagt, die Entschädigung sei Aufgabe der Wirtschaft, die habe am meisten von der Ausbeutung profitiert", sagt Fraktionschefin Dora Schur. Dies sei auch die Auffassung vieler Genossen an der Basis. Ihr ist diese Einstellung eher peinlich. Es klingt ihr zu sehr nach den Argumenten, die auch die NPD benutzt.Erwogen, doch schließlich abgelehnt wurden Spendenaufrufe in Falkensee und im Landkreis Potsdam-Mittelmark. Im dortigen Kreistag scheiterte ein PDS-Spendenaufruf, nachdem wochenlang darüber diskutiert wurde, ob die spätgeborenen Parlamentarier denn nun eine persönliche Mitschuld trügen oder nicht. Der Antrag scheiterte letztendlich auch, weil es darin hieß, dass der Kreistag als Institution eine moralische Schuld trage. Firmen des Kreises werden nun "gebeten", dem Fonds beizutreten. Im ursprünglichen Entwurf wurden sie dazu noch "aufgefordert".Drei Millionen Mark // Die Stiftung "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft" sammelt zehn Milliarden Mark für die Entschädigung von Zwangsarbeitern der NS-Zeit.Der Wirtschaft fehlen noch 1,4 Milliarden Mark ihres Fünf-Milliarden-Mark-Anteil. Den Anteil der Öffentlichen Hand übernimmt der Bund für Länder, Kreise und Kommunen.Trotzdem haben bundesweit etwa 200 Kommunen freiwillig drei Millionen Mark gespenden. Dazu kommen vier Millionen von Privatpersonen.