Spezial-Fahnder der Bewag ermitteln gegen Kunden, die ihre Zähler manipulieren oder Stromleitungen anzapfen: Den Berliner Stromdieben auf der Spur

Langsam läßt Peter Hübner den weißen Kombi ausrollen. "Wir sind da", sagt er zu seinem Kollegen Burkhardt Lenz. Das graue Einfamilienhaus liegt scheinbar verlassen am Tegeler See. Lenz geht noch einmal die Akten durch: Anton Müller, Strom abgestellt, nachdem die Rechnung mehr als sechs Monate lang nicht bezahlt wurde. Anonymer Anruf bei Berlins Stromversorger, der Bewag: Angeblich wird hier Strom geklaut. "Hast du Angst vor Kampfhunden?" witzelt Lenz mit einem letzten Blick in die Unterlagen und macht sich bereit. "Der Kunde hat einen Bullterrier." Lenz und Hübner sind auf der Jagd nach Stromdieben. Jeden Tag rücken die beiden Männer von der "Abwehrgruppe Stromdiebstahl" der Bewag aus auf der Suche nach manipulierten Stromzählern und illegal angezapften Leitungen. 3200 Fälle haben sie 1998 entdeckt und dabei den Diebstahl von schätzungsweise 150 000 Kilowattstunden festgestellt. Das entspricht dem durchschnittlichen Stromverbrauch von 75 Berlinern. Sie rücken an, wenn Leute ihre Nachbarn anonym anzeigen, wenn Bewag-Monteure auf ihren Arbeitsgängen durch Keller und Treppenhäuser manipulierte Stromverteiler finden, oder wenn die Ableser sehen, daß ein Stromzähler verdächtig langsam läuft. Ihr Revier heute: die nördlichen Berliner Bezirke. Der elektrische Öffner summt, das Gartentor geht auf. Drinnen bellt der Hund, aus der Tür tritt eine Frau: zierlich, mit einem acht Monate alten Baby auf dem Arm, das neugierig nach den Bewag-Männern lugt. "Guten Tag, wir sind von der Bewag und möchten mal ihren Stromzähler sehen", beginnt Hübner vorsichtig. Kein falsches Wort, denn wenn die Bewohner es nicht wollen, sind Wohnungen und Grundstücke für die beiden "Fahnder" tabu. Hier werden sie eingelassen. In der Wohnung ist es dunkel. Frau Müller weiß, warum Hübner und Lenz hier sind. Kurz nachdem die Bewag ihnen das erste Mal den Strom "wegen Zahlungsunfähigkeit" abgeschaltet hatte, haben ihr Mann und sie sich Strom per Verlängerungskabel von den Nachbarn geliehen. Das ist verboten, denn die Bewag verkauft ihren Strom nur zur Eigennutzung. Normalerweise wird das Weiterleiten unter Nachbarn toleriert. Aber wenn Kunden nicht zahlen, erinnert die Bewag sie an das Kleingedruckte in ihren Verträgen. Hübner und Lenz sehen sich nach Verlängerungskabeln um und notieren die Zählerstände: Alles okay. Frau Müller schimpft auf ihre Vermieterin, die sie angezeigt hat: "Die will uns hier raus haben und schikaniert uns, wo es nur geht." Die Bewag-Männer rücken ab.Im Auto steckt Hübner sich eine Zigarette an und fährt los. Kein Blick zurück. Die junge Frau war kooperativ, der Mann scheint arbeitslos zu sein, wer weiß, ob die noch die Miete zahlen können die haben wirklich genug Sorgen. Routineeinsatz. Während Burkhard Lenz letzte Notizen in seine Unterlagen einträgt, steuert Peter Hübner den weißen Kombi Richtung Wedding. Neun Fälle haben die beiden Stromkommissare heute auf ihrer Liste. Hübner biegt in die Müllerstraße ein. Hier und in Neukölln, Kreuzberg, Prenzlauer Berg und Friedrichshain sind die meisten der bis zu vierzigtausend abgestellten Stromzähler Berlins zu finden. Jedes Jahr überprüfen sie etwa sechstausend Wohnungen. "Je mehr Menschen arbeitslos sind, desto mehr Strom wird geklaut", sagt Lenz. "Meistens erwischen wir Leute, denen der Strom abgestellt wurde und die ihre Sperrung umgehen." Selbsteinschaltung heißt das im Bewag-Jargon.Neben einem Eduscho-Laden führt eine Einfahrt in den Hinterhof. Unter dem Arm eine Monteurstasche, Formulare und die Unterlagen zu diesem Fall. Der Kunde, dem die Bewag zum zweiten Mal die Zuleitung gesperrt hat, soll die Drähte im Verteilerkasten wieder zusammengeschraubt haben. Vier Treppen die knarrenden Holzstufen des Hinterhauses hoch. Die Plomben des Verteilerkastens fehlen: Hübner schraubt die Verkleidung ab und mißt die Spannung: "Auf dem blauen Kabel ist ein Stromfluß von 0,15 Ampere pro Sekunde" notiert Lenz und weiß damit, daß der "Kunde" hinter der Wohnungstür den gesperrten Zähler wieder überbrückt hat. Er ist zwar zu Hause, aber auf das Klingeln reagiert niemand. Also füllt Lenz eine Mahnung aus und steckt sie in den Türspalt. Stromdiebstahl ist ein Verstoß gegen das Strafgesetz, Paragraph 248 c droht mit Geldstrafen und bis zu fünf Jahren Haft für Wiederholungstäter. Doch kaum jemand geht wegen Stromklau hinter Gitter. Die Bewag ist nachsichtig und schaltet ihre Anwälte erst ein, wenn jemand dreimal wegen "Selbsteinschaltung" erwischt wurde.Aufgabe der "Soko-Strom" ist es, die Berliner vom Stromklau abzuschrecken und so zu verhindern, daß der Verlust für die Bewag zu groß wird. Bisher ist der Schaden eher marginal. 14,7 Gigawattstunden (GWh) speist das Unternehmen jährlich in das Berliner Netz. Allein die Netzverluste und der Eigenbedarf der Bewag von gut zehn Prozent oder 1,6 GWh übertreffen den nachgewiesenen Stromklau um das Zehntausendfache. Eine eigene Diebstahlabteilung ist bei deutschen Stromversorgern selten. Weder bei den Stadtwerken Hannover noch beim Energiekonzern RWE, der in Nordrhein-Westfalen 2,9 Millionen Haushalte versorgt, gibt es Stromfahnder. Der RWE-Konzern schickt einfach Elektromonteure an den Tatort, wenn Anzeigen von Nachbarn eingehen oder die Rechnung eines Kunden verdächtig niedrig ist. Berlin hingegen hat schon seit etwa achtzig Jahren eine "Strom-Soko". Bei der Bewag ist man der Ansicht, daß sich diese Organisationsform im Umgang mit Stromdiebstahl bewährt habe.Die beiden Fahnder Hübner und Lenz kümmern sich vor allem um "Stammkunden", Leute, bei denen das Stromklauen zur Manie geworden ist. Denen die Sicherungen ausgebaut und verplombt werden, weil sie den Strom nicht bezahlen. Die neue Sicherungen einsetzen, bis ihnen die Bewag den Zähler abmontiert, die anschließend die Enden der Stromzuleitungen in ihrer Wohnung anzapfen, Leute, die auch dabei ertappt werden, und die dennoch nicht aufgeben, die vielleicht irgendwann Wände aufstemmen und sich in die Treppenhausleitungen einklemmen. Leute, die Nägel in die Wände schlagen und hoffen, die richtige Leitung zu treffen. "Stromklau kommt aber keineswegs nur in unteren sozialen Schichten vor", sagt Hübner. Er hat auch in den besseren Berliner Bezirken schon Leute erwischt, die die Heizung ihres Schwimmbades an der 70 cm tief vergrabenen Hauptleitung in der Erde angeschlossen haben.Doch heute ist ein ruhiger Tag. Die Bewag-Kommissare steigen die vier Treppen wieder runter und fahren Richtung Kleingartenkolonie "Eigene Scholle". Dort soll ein Schrebergärtner seinen "Zähler abgeschaltet haben" sagen die Nachbarn. Hübner und Lenz waren schon dreimal da und haben nie jemanden angetroffen. Auch diesmal nicht. "Wir werden wiederkommen", sagt Lenz und Hübner steuert den Wagen zum nächsten "Kunden".