Nach dem Abzug der Alliierten wird das Übungsgelände der Engländer "Fighting City" in Ruhleben jetzt von der Polizei genutzt. Angehende Polizisten sowie die Einsatzhundertschaften üben regelmäßig auf dem Terrain den Ernstfall. Die Berliner Zeitung sah sich in "Fighting City" um.Ein verlassenes Dorf inmitten Berlins. "Fighting City" gleicht in diesen Tagen einer Geisterstadt. Gespenstisch werfen die Häuser, die Kirche, die Tankstelle und der Supermarkt ihre Schatten inmitten des 70 Hektar großen Militärgeländes zwischen dem Olympiastadion im Südosten, der Charlottenburger Chaussee im Norden und der Heerstraße im Süden. Wo einst britische Soldaten den Straßen- und Häuserkampf trainierten, proben jetzt angehende Polizisten den Ernstfall. Was während der Anwesenheit der Alliierten für Berliner Polizisten der Einsatzhundertschaften nur in Ausnahmefällen möglich war, ist heute gang und gäbe. Ideale Voraussetzungen Auf dem Gelände, das dem Land Berlin gehört, können sämtliche polizeilich-taktischen Varianten geübt werden - vom Einsatz bei Ausschreitungen während Demonstrationen bis zur Sicherung eines Supermarktes.Es sei ein großer Unterschied, beispielsweise den Umgang mit betrunkenen Menschen im Lehrsaal zu üben oder auf freiem Gelände, sagt Hans-Joachim Heldt, Fachbereichsleiter in der Landespolizeischule. Auch die Begleitung von Demonstranten könne nur im Freien geprobt werden. Dafür biete das Areal in Ruhleben ideale Voraussetzungen.Neben den originalgetreu nachgebauten mehrstöckigen Wohnhäusern sowie einer imitierten Bahnstrecke mit einem ausrangierten U-Bahn-Zug und einer breiten Autobahnbrücke gibt es viel Platz für das Abseilen aus Hubschraubern und das Üben von Verfolgungsjagden innerhalb einer Ortschaft. Kriegseinsatz geprobt "Beim Bau dieses Dorfes haben die Briten an alles gedacht", erklärt Polizeihauptkommissar Heldt. In der Regel haben die britischen Einheiten in Ruhleben den Kriegseinsatz geprobt und sind dann nach Nordirland verlegt worden, heißt es.Heldt ist froh über das Kampfdorf in Ruhleben. "Wenn wir es nicht nutzen könnten, müßten unsere Auszubildenden sowie die geschlossenen Einheiten während ihres Einsatztrainings in das Land Brandenburg zum Üben fahren." Der nächste dafür geeignete Platz befindet sich nahe Lehnin, zirka 90 Minuten Fahrzeit entfernt. Ein Terrain der Bundeswehr. "Das Gelände dort ist jedoch so stark frequentiert von allen möglichen Nutzern, daß für unsere Einheiten eine kontinuierliche Ausbildung nicht möglich ist", betont Heldt. "Auf Fighting City können wir im Interesse der öffentlichen Sicherheit nicht verzichten." Abriß gefordert Im Herbst waren, wie berichtet, aus dem Bezirksamt Charlottenburg Stimmen laut geworden, die den Abriß des Phantom-Dorfes verlangten. Ende des vergangenen Jahres hatte dann die Polizeiführung Ansprüche an das Land Berlin für das Demo-Dorf angemeldet. Allein der Gebäude-Abriß, so wie von einigen Naturschützern verlangt, würde Millionen Mark verschlingen, sind sich Experten sicher. Eine Entscheidung über die Zukunft des Areals steht bislang noch aus. Ein dumpfer Knall durchbricht die Stille. Schreiend springen schwarz gekleidete und maskierte Männer aus einem Hauseingang, rennen auf einen Doppelstockbus der BVG zu und stürmen ihn. Rauchbomben explodieren und hüllen das Areal in dichten farbigen Nebel. Nach zehn Sekunden ist alles vorbei. Das Fahrzeug ist in ihrer Hand.Was wie eine filmreife Szene aussieht, gehört zum harten Training des Spezialeinsatzkommandos der Polizei. Die Mitarbeiter sind sauer, als sie merken, daß sie beobachtet werden. Fotografieren verboten! Das Dorf ist auch ideal für das Training von Spezialeinheiten. Die Anwohner sehen die Übungen mit gemischten Gefühlen. Thea H. aus der Nachbarschaft: "Als die Engländer noch da waren, haben sie fast jeden Tag geübt und rumgeballert. Das ist Gott sei Dank vorbei. Jetzt haben wir unsere Ruhe." Hubschrauber fliegen Felix B., ein Nachbar, sieht dies anders. "Kaum waren die Alliierten weg, da kam die Polizei. Seitdem fliegen sie regelmäßig mit Hubschraubern über unser Wohngebiet. Das ist fast noch schlimmer als früher." Heldt weist die Vorwürfe zurück. Die Mitarbeiter des Spezialeinsatzkommandos trainierten äußerst selten das Abseilen aus Hubschraubern.Beschwerden hatten im Januar dieses Jahres dafür gesorgt, daß "Fighting City" zum Thema im Abgeordnetenhaus wurde. Dort erklärte Staatssekretär Eike Lancelle aus der Innenverwaltung, daß die Polizeibehörde die Anwohner künftig über geplante Übungen in geeigneter Weise informieren wird, "wenn eine nicht unerhebliche Beeinträchtigung der Umgebung zu erwarten ist". "Mal sehen, ob es klappt", sagt Felix B. +++