Thilo Thielke, 37-jähriger Afrikakorrespondent des Spiegels, hat Kopf und Kragen riskiert, um die Gräuel in Darfur im Westen des Sudan aus erster Hand zu dokumentieren, auch mit der Kamera. Auf der Ladefläche schrottreifer Pick-ups hat er sich nachts von unberechenbaren Rebellen durch die Wadis der Wüste karren lassen, ohne je so genau zu wissen, wo er landen und wie er aus dem Kriegsgebiet wieder herausfinden würde. Mehrfach reiste der erfahrene Kriegsreporter seit 2003 von Tschad aus nach Darfur, wo er jederzeit den Dschandschawid oder Regierungssoldaten hätte in die Hände fallen können. Und ungezählte Male war er in anderen Teilen des Sudan, wo er mit allen einflussreichen Kräften gesprochen hat.Zugleich hat Thielke sich aber auch in die Geschichte des Landes begeben: Hat seine beachtliche Sammelwut eingesetzt, um die Berichte der frühen Forschungsreisenden und Literaten aufzustöbern, die unser Bild Afrikas mitgeprägt haben, mit besonderem Augenmerk auf Karl May, Alfred Brehm und dem exzentrischen Hermann Fürst von Pückler-Muskau.Aus der Verbindung von Geschichte und Gegenwart ist ein 400 Seiten dickes Buch entstanden, das selbst gestandene Afrikapessimisten um den Schlaf bringen kann: "Krieg im Land des Mahdi. Darfur und der Zerfall des Sudan." Dass Afrikas größter Flächenstaat zerbricht, ist für Thielke nur eine Frage der Zeit. Für seine Bewohner hat er kaum Hoffnung. Zu tief sind die Gräben, die Jahrhunderte der Sklaverei und Ausbeutung des afrikanischen Südens durch den arabischen Norden hinterlassen haben. Machthungrig, korrupt und menschenverachtend findet er Sudans islamistische Elite ebenso wie die bewaffneten Abenteurer in Darfur, die ohne Rücksicht auf die Zivilbevölkerung einen Konflikt angezettelt haben, den sie nie gewinnen können.Immer wieder streut Thielke Berichte von Massakern aus vergangenen Jahrhunderten ein, die seine Leser verblüffen: Sie lesen sich, als seien sie heute verfasst worden, in Farawija oder Saiyah oder Khor Abeche, wo Tausende im Kugelhagel der Dschandschawid-Milizen ihr Leben ließen. Geschichte wiederholt sich nicht, aber im Sudan scheint diese Regel nicht zu gelten, folgt man Thielke. Leider weicht er mit Tiraden über fehlgesteuerte Entwicklungshilfe und kühne Thesen über den Genozid in Ruanda vom Thema ab.Doch im Kern ist sein Buch ein wichtiges Dokument: Denn es ist - zumindest im deutschen Sprachraum - einer der wenigen verfügbaren Augenzeugenberichte aus einer Gegend, die Sudans Regierung zur journalistenfreien Zone erklärt hat, um ihr Mordgeschäft ungestört erledigen zu können.Weitere Buchkritiken unter: www.berliner-zeitung.de/buecher------------------------------Foto: Thilo Thielke: Krieg im Land des Mahdi. Darfur und der Zerfall des Sudan. Magnus Verlag, Essen 2006. 400 S., 14,95 Euro.