Der amerikanische Abhördienst NSA benutzt die von ihm ausgespähten Daten nicht nur für den Antiterrorkampf, sondern auch für die Überwachung der Organisierten Kriminalität sowie für Wirtschafts- und Politikspionage. Das sagt Erich Schmidt-Eenboom, 59, Geheimdienstexperte und Leiter des Weilheimer Forschungsinstitut für Friedenspolitik.

Mit Prism, Tempora und Co fallen unvorstellbar viele Datenmengen an, die ausgewertet werden müssen. Geht das überhaupt oder erstickt die NSA an all diesen Informationen?

99 Prozent der erfassten Daten erreichen die Auswerter erst gar nicht, sondern landen vorab als Spam im virtuellen Papierkorb. Dafür sorgt ein ausgeklügeltes Filtersystem, das die NSA in den vergangenen Jahrzehnten zur Perfektion getrieben hat.

Wie funktioniert dieses Filtersystem?

Zunächst durchsuchen Rechnerprogramme die einfließenden Datenströme nach festgelegten Suchbegriffen. Die NSA hat 40.000 solcher Wörter festgelegt. Zum Vergleich: Der BND durchsucht den internationalen elektronischen Datenverkehr auf der Basis von 1 500 Suchbegriffen. Hinzukommen bei der NSA weitere Kriterien wie etwa bereits als Zielobjekte festgelegte Einwahl- und Auswahlnummern. Schließlich durchlaufen alle Daten noch eine automatisierte Plausibilitätsprüfung, bei der untersucht wird, ob es eine nachvollziehbare Verbindung zwischen Inhalt und Kommunikationsteilnehmer gibt.

Erledigen diese Prüfung auch Computer?

Ja. Hier kommt der NSA der Einsatz von Rechnerprogrammen aus dem Bereich der Künstlichen Intelligenz zugute, an denen der Dienst bereits seit Ende der 80er-Jahre forscht. Was schließlich nach diesen und noch anderen Filtern übrigbleibt, wird elektronisch gespeichert. Und zwar sehr lange: Die Amis halten verdächtige Daten zum Teil über mehrere Jahre hinweg vor, um nach Ereignissen wie Anschlägen oder politischen Machtwechseln darauf zurückgreifen zu können.

Geht es bei den NSA-Lauschereien also doch vor allem um die Inhalte der Kommunikation?

Nein, das eigentliche Interesse richtet sich auf das Aufspüren von Kommunikationswegen, über die sich letztlich auch personelle Verflechtungen analysieren lassen. Die Freie Syrische Armee etwa benutzt Satellitentelefone. Für die NSA ist es interessant, ob die Kämpfer häufiger in Istanbul, Doha oder Riad anrufen. Oder nehmen wir die Proteste in der Türkei: Hier wird analysiert, wie sich der Twitter-Verkehr in dem Land ausbreitet. Das lässt genaue Rückschlüsse auf die regionale Verteilung von sozialen Bewegungen und Netzwerken in der Türkei zu.

Also geht es bei der NSA-Spionage nicht nur um den Kampf gegen den Terror?

Natürlich nicht. Sämtliche Aufklärungsthemen der Geheimdienste werden von der NSA bedient: Organisierte Kriminalität, Geldwäsche, der internationale Waffenhandel, aber auch politische und Wirtschaftsspionage.

Auch gegen Deutschland?

Deutschland ist ein ganz wichtiges Zielobjekt der US-Dienste. Unser Land pflegt seit langem spezielle politische und wirtschaftliche Beziehungen zu China und Russland, die von Washington seit jeher mit Argwohn betrachtet werden. Da will man genau wissen, was läuft zwischen Berlin und Peking und Moskau auf politischem, aber auch wirtschafts- und energiepolitischem Gebiet. Auch spielt Deutschland eine zentrale Rolle in der Euro-Krise. Die US-Administration, aber auch London interessiert natürlich, welche Finanzzusagen es an welche Staaten, gibt, welche Banken gerettet werden sollen. Für den britischen Finanzmarkt ist solches Detailwissen elementar. Zu den drei Hauptaufgaben des britischen Geheimdienstes GCHQ gehört ja nicht ohne Grund die Absicherung des wirtschaftlichen Wohlergehens des Königreichs.

Was Wirtschaftsspionage auch gegen befreundete Staaten einschließt.

Und nicht nur auf dem Finanzsektor. Man darf nicht vergessen, dass die Merkel-Regierung seit Jahren eine auf Wachstum gerichtete Waffenexportpolitik betreibt, mit der man die Kreise der klassischen Rüstungslieferanten aus den USA und Großbritannien vor allem im hochprofitablen arabischen Raum stört. Wenn hier durch Prism, Tempora und andere Spähprogramme Geschäftsbeziehungen von Firmen und Stimmungen in dem für Rüstungsexportgenehmigungen zuständigen Bundessicherheitsrat ausgeforscht werden, dann ist das klassische Konkurrenzspionage.

Das Gespräch führte Andreas Förster.