Neue Umfrage gefällig? Die Union hat eine absolute Mehrheit und könnte ohne Koalitionspartner regieren. Zweitstärkste Partei wäre die FDP, gleichauf mit der SPD, beiden gelingt das Projekt 18. Grüne und Linke sind weit abgeschlagen, sie schaffen gerade so den Einzug ins Parlament.

Wer da gewählt hat? Die Berliner Unternehmer. Jedenfalls jene, die an diesem Montagmorgen im Ludwig-Erhard-Haus, dem gürteltierartigen Gebäude an der Fasanenstraße unweit des Zoos, zusammenkommen. Die Berliner Industrie- und Handelskammer (IHK) und ihr privater Mitstreiter, der Wirtschaftsclub VBKI, haben die fünf Spitzenkandidaten der Hauptstadt zur Frühdebatte geladen: Monika Grütters (CDU), Gregor Gysi (Linke), Eva Högl (SPD), Renate Künast (Grüne) und Martin Lindner (FDP).

Alle kommen, Gysi etwas verspätet, er nimmt sich noch schnell vom Büfett zwei halbe Brötchen mit aufs Podium. Bevor sich der Saal füllt, werden unter den gut 300 Gästen – ja, nicht nur, aber meistens eben doch ältere Herren im Anzug ohne auffällige ästhetische Ansprüche – Wahlzettel verteilt. Man stimmt vor der Veranstaltung ab, ausgezählt wird erst am Schluss. So erfährt man leider nicht, ob sich durch die Antworten der Podiumsdiskutanten irgendetwas an den Mehrheitsverhältnissen ändern würde. Berlins organisierte Unternehmerschaft scheint jedenfalls, wenig überraschend, sehr fest in schwarz-gelber Hand zu sein.

Das muss aber keinen der fünf Spitzenleute stören, denn sie sind dank ihrer Listenplätze ohnehin so gut wie sicher gewählt. Insofern trifft hier am Montagmorgen Establishment auf Establishment. Vielleicht macht sich daher eine gewisse Flapsigkeit breit. Neues wird nicht verkündet, dazu ist auch kaum Gelegenheit, denn das rigide Reglement der Moderatoren Jan Eder (IHK) und Udo Marin (VBKI) lässt gerade einmal 60 Sekunden lange Stellungnahmen zu. Viel mehr als je drei Hauptsätze aus dem Wahlprogramm sind da schwerlich unterzubringen, auch wenn die Veranstaltung insgesamt zwei Stunden dauert. Rote, Dunkelrote und Grüne sprechen von Steuererhöhungen und Umverteilung, Gelbe und Schwarze von hervorragenden Wirtschaftsdaten und Weiter-so.

Immerhin sind die Fragen teils so launig ausgedrechselt, dass das Publikum auf seine Kosten kommt. Etwa wenn Udo Marin die SPD-Mietenpolitik mit „Ruinen schaffen ohne Waffen“ zusammenfasst oder konstatiert, dass bei den Grünen ja beurlaubte Oberstudienräte die Programme schrieben. „Aus welcher Grotte kommen Sie denn?“ fragt ihn eine dann doch leicht angenervte Renate Künast. Martin Lindner, dessen Warnung vor rot-rot-grünen „Steuererhöhungsorgien“ dankbare Abnehmer findet, sagt später noch, die Künast könne auch freundlich gucken, wenn man sie anderswo treffe.

Eva Högl von der SPD entscheidet sich lieber dafür, jede Frage begeistert zu loben („Toller Einstieg, Herr Eder!“), Frau Grütters von der CDU rafft sich immerhin auf zu bemerken, dass die Frauenquote im Publikum deutlich hinter der auf dem Podium zurückbleibe. Da müsse man was tun. Ihre Wähler verkraften das im Nu.

In Sachen Launigkeit lässt sich Gregor Gysi aber bekanntlich nur ungern überbieten. Auf sein wiederholtes Angebot zu rot-rot-grünen Gesprächen nach der Wahl (was Högl offen lässt und Künast ablehnt) folgt daher eine Art Menetekel. Es gebe ja bereits einen ostdeutschen Bundespräsidenten und eine ostdeutsche Kanzlerin, sagt er. „Und was aus mir noch so wird, das wissen Sie hier alle nicht.“