Den größten Moment des Jahres erlebte Linus Lichtschlag am 6.November. Bei den Ruder-Weltmeisterschaften in Neuseeland fuhr sein Boot mit deutlichem Abstand vor den Verfolgern aus Frankreich ins Ziel. Ein Riesen-Erfolg für den deutschen Leichtgewichts-Doppelvierer und für Linus Lichtschlag, der seinen ersten WM-Titel holte. "Es war ein Traum", sagt der 22-Jährige. Es ist der bisherige Höhepunkt einer noch jungen Karriere. Auch Europa- und Deutscher Meister ist Lichtschlag 2010 geworden.Im November, auf dem neuseeländischen Stausee, dachte er nur an den Sport - ans Durchhalten, ans Training, an Medaillen. Eines aber hatte keinen Platz in seinem Kopf: die Uni. "Wenn mich beim Wettkampf jemand auf mein Studium anspricht, werde ich wirklich böse." Dabei ist die Uni für Lichtschlag, der an der Technischen Universität Maschinenbau studiert, ein wichtiger Teil des Lebens. Aber in Wettkampfzeiten, unter enormer Anspannung, ist eben nur Platz für das eine.Ansonsten gilt es für den jungen Athleten im fünften Semester, beide Lebensbereiche möglichst gut unter einen Hut zu kriegen. Die Leidenschaft fürs Rudern motiviert ihn, diszipliniert zu arbeiten. "Es ist wie eine Sucht. Wenn man einmal Erfolg hatte, will man immer mehr." Disziplin und ein gutes Zeitmanagement hat Lichtschlag schon immer gebraucht. Aufgewachsen in Schöneberg, fing er in der siebten Klasse beim Schüler-Ruderverband an. Später trainierte er beim Ruderklub am Wannsee, fünfmal pro Woche neben der Schule. Er bestand das Abi mit 2,5 und ist überzeugt, dass er ohne den Sport nicht besser gewesen wäre. Das Rudern zwang ihn, sich zu organisieren, sagt er. Daran hat sich bis heute nichts geändert.Doch Maschinenbau ist ein anspruchsvolles Studium und Lichtschlag, der seit vier Jahren im Landesleistungszentrum für die Nationalmannschaft trainiert, will weitere sportliche Erfolge. Deshalb hat er einen gänzlich anderen Studienalltag als seine Kommilitonen. Trainingslager und Wettkämpfe unterbrechen jedes Semester. An Exkursionen kann er nicht teilnehmen, weil er nie einen kompletten Tag frei hat. Montags bis sonntags trainiert er auf dem Hohenzollernkanal oder auf dem Ergometer, morgens und abends, drei Stunden täglich. Dazwischen geht es zur Uni, in Seminare oder zum Nacharbeiten verpasster Veranstaltungen in die Bücherei, und abends wieder an den Schreibtisch. Oft sitzt er bis nachts an technischen Zeichnungen und steht am nächsten Tag um halb sechs wieder auf.In diesem Semester will Lichtschlag vier Prüfungen schreiben - der Regelstudienplan sieht sechs vor. Viele seiner Kommilitonen werden im nächsten Semester ihren Bachelor machen. Lichtschlag hofft, 2013 den Abschluss zu schaffen. "Man muss von vornherein einkalkulieren, dass es mit dem Studium länger dauert", sagt er. Nächstes Jahr wartet eine neue Herausforderung: Lichtschlag will sich für die Olympischen Spiele qualifizieren.An der TU bekommt er viel Unterstützung. Als einzige Berliner Uni hat sie einen hauptamtlichen Spitzensportbeauftragten, Martin Kiesler. Er hilft, Trainings- und Studienpläne abzustimmen und spricht mit Dozenten über andere Prüfungstermine, wenn sich Klausur und Wettkampf überschneiden. Der Grundsatz ist, die gleichen Leistungsanforderungen zu stellen wie an alle anderen, aber flexible Bedingungen zu schaffen. "Die Studenten sollen keine Nachteile durch ihr Engagement im Sport haben", sagt Kiesler. An der TU können Leistungssportler kostenlos im Fitnessstudio trainieren. Skripte stehen im Internet, sodass man den Stoff jederzeit nacharbeiten kann.Freizeit und Partys sind in so einem Leben kaum drin. Linus Lichtschlag war in diesem Jahr einmal abends feiern. Wenn er Kommilitonen von seinem Sport erzählt, sind die zuerst immer begeistert. "Aber wenn sie hören, was dahinter steckt, sagen sie, das sei nichts für sie."------------------------------Topathleten an UniversitätenIndividuelle Betreuung: An der Technischen Universität werden 37 Spitzensportler betreut, die zum Bundeskader gehören. Zuständig sind der Hochschulsport und ein Spitzensportbeauftragter. Seit 2005 gibt es eine Kooperation mit dem Olympiastützpunkt Berlin, dem Allgemeinen Deutschen Hochschulsportverband und dem Studentenwerk.Auch an der Humboldt-Uni (104 Spitzensportler) und an der Freien Universität (7 Athleten) gibt es eine solche Vereinbarung. Die Studenten werden betreut, ihre Prüfungstermine flexibel koordiniert. Im Senat gibt es Überlegungen zu einer Profilquote: Sportler, die in Berlin trainieren, sollen auch hier studieren können.------------------------------Foto: Linus Lichtschlag rudert seit Jugendzeiten. Wenn ihm alles zu viel wird, baut ihn seine Freundin wieder auf, die ebenfalls Leistungssportlerin und Studentin ist.