Eine Stunde war vorbei im Camp Nou, dieser Fußball-Schüssel in Barcelona, die genau so beeindruckend wie baufällig ist. Liverpools Mittelfeldmann James Milner hatte gerade eine gute Gelegenheit vergeben. Es war schon die dritte für seine Mannschaft in der zweiten Halbzeit. An der Seitenlinie applaudierte Trainer Jürgen Klopp, gut sichtbar, mit den Händen über dem Kopf. Das war ein Signal an seine Mannschaft und an die mitgereisten Fans, die das Geschehen aus dem obersten Oberrang verfolgten. Das Signal sagte: Immer weiter so! Wir sind dran! Wir haben eine Chance in diesem Halbfinal-Hinspiel der Champions League! 0:1 stand es zu diesem Zeitpunkt aus Liverpools Sicht. Alles war noch möglich.

Als die Partie vorbei war und Klopp im beengten Presseraum saß, tief in den Innereien des Stadions, musste er gestehen, dass seine Mannschaft nur noch in der Theorie Chancen hat, im Rückspiel an der Anfield Road am Dienstag den Final-Einzug zu schaffen. „Es ist Fußball, deshalb sollten wir es immer noch versuchen. Aber heute ist nicht die Zeit, um große Worte zu schwingen und Sachen zu sagen wie: Es ist erst Halbzeit, wenn wir ein frühes Tor schießen, dann…“, sagte der Trainer. Er wirkte, als sei ihm klar, dass sein Team so gut wie raus ist nach dieser bemerkenswerten Nacht im Camp Nou.

Erfreulich und tragisch für den FC Liverpool

Es war eine Nacht, die erfreulich und tragisch zugleich war für Klopp und die Seinen. Erfreulich deshalb, weil Liverpool dem FC Barcelona in dessen eigenem Haus viele Schwierigkeiten bereitet hatte, zu besten Chancen gekommen war und es beim Stand von 0:1 tatsächlich so aussah, als wäre alles möglich für den Ex-Rekordmeister aus England. Doch die Nacht endete tragisch, weil Barcelonas Chef-Magier Lionel Messi wieder einmal zeigte, was der Unterschied ist zwischen einigen der besten Spieler Europas – und dem vielleicht besten Fußballer, den es jemals gab. Mit zwei Treffern in der letzten Viertelstunde, seinen Karriere-Toren Nummer 599 und 600, stellte Messi den 3:0-Endstand her und buchte seinem Team fast sicher einen Platz im Finale am 1. Juni in Madrid gegen Ajax Amsterdam oder Tottenham Hotspur.

Vor allem Messis zweites Tor war ein Kunstwerk, das selbst die Zuschauer im Camp Nou verblüffte, dabei sollten sie Messi-Kunstwerke doch gewohnt sein. Einen Freistoß aus 25 Metern setzte er millimetergenau in den linken oberen Torwinkel. Es lässt sich debattieren, ob Liverpools Mauer zu weit in der Mitte stand oder Torhüter Alisson eine bessere Chance gehabt hätte, wenn er auf eine Mauer verzichtet hätte, doch unabhängig von diesen Fragen war der Treffer wieder einmal ein Beleg für Messis außergewöhnliches Können. „Ich weiß auch nicht, wie er das gemacht hat“, staunte Barcelonas Trainer Ernesto Valverde. Und Klopp sagte: „Du kannst diesen Freistoß nicht verteidigen. Was für ein Schuss!“

Klopp sieht "beste Auswärtsleistung in der Champions League"

Es ist vor allem Messi zu verdanken, dass ein Spiel, das lange ausgeglichen war, mit einem so klaren Ergebnis endete. Dass der FC Liverpool „die beste Auswärtsleistung in der Champions League“ in dieser und der abgelaufenen Saison gezeigt hatte, wie Klopp fand, und am Ende trotzdem mit einem Resultat nach Hause fuhr, das nach einer Demontage aussieht. Messi hatte den Fans versprochen, alles dafür zu tun, den Champions-League-Pokal zurück nach Barcelona zu bringen. Und er zeigte, dass er vorangeht bei diesem Unterfangen.

Liverpool dagegen droht das traumatische Ende einer eigentlich herausragenden Saison. Denn nicht nur in der Champions League schwinden die Titelchancen, sondern auch in der heimischen Premier League. Trotz einer der besten Spielzeiten, die jemals eine Mannschaft im englischen Profifußball gezeigt hat, wird es immer wahrscheinlicher, dass Klopps Team am Ende nur Zweiter wird, weil es eben einen Konkurrenten gibt, der noch besser ist. Nur wenn Manchester City mit Trainer Pep Guardiola gegen Leicester oder Brighton Punkte liegen lässt, hat Liverpool überhaupt noch die Möglichkeit auf die ersehnte erste Meisterschaft seit fast 30 Jahren. Die Aussichten darauf sind ähnlich dezent wie die auf ein Wunder im Rückspiel gegen den Barcelona.

Sollte es nicht klappen mit einem Titel, würde wieder viel geredet werden. Über den FC Liverpool, der kurz vor dem Ziel immer wieder scheitert, oft auf dramatische Weise – und über Klopp, der auch nach vier Spielzeiten in England immer noch auf seine erste Trophäe wartet. Der Ruf des Trainers als eine Art ewiger Zweiter würde sich weiter verfestigen. Dabei kann man die Dinge auch anders sehen. Man kann sie auch so sehen, dass mittlerweile nur noch die besten, die wirklich allerbesten Gegner imstande sind, seinen FC Liverpool zu stoppen: nämlich Guardiolas City – und Messi.