Magdeburg/Berlin - Die Fans des 1. FC Magdeburg geizen in ihren Fangesängen nicht mit Superlativen. „Unser Klub ist unbesiegbar, niemand kann uns aufhalten“ lautet einer. „Wir sind die Größten der Welt, FC Magdeburg“ ein anderer. An der Elbe nennt man dieses gesunde Selbstbewusstsein augenzwinkernd „Magdeburger Größenwahn“, obwohl der FCM in den Jahren nach der Wende in einem Sumpf aus Abstiegen, Amateurfußball und Insolvenz eigentlich keinen Stoff zum Prahlen liefert. Im Jahr 2012 steigen die Blau-Weißen als Tabellenletzter in der Regionalliga nur aufgrund der Ligareform nicht in die Fünftklassigkeit ab. Der einzige Europapokalsieger der DDR ist ganz unten angekommen.

Nur sechs Jahre später mischt der FCM plötzlich mit aufregendem Fußball und einem Zuschauerschnitt von etwa 18.500 Fans die 2. Bundesliga auf. Was ist passiert? Wie ist aus dem Magdeburger Scherbenhaufen von einst der heute wohl interessanteste Fußballklub Deutschlands entwachsen?

Mit Kallnik und Petersen aus der Tiefe

Am Ende der Saison 2011/2012 steht der 1. FC Magdeburg am Abgrund. Während der Erzrivale Hallescher FC die Regionalligameisterschaft bejubelt, ist der FCM Letzter. Von 17 Heimspielen wird nur eines gewonnen. Die wenigen verbliebenen Fans, im Schnitt besuchen zu dieser Zeit knapp 4.000 die MDCC-Arena, stellen zum Saisonende frustriert die Unterstützung ein.

Das indiskutable sportliche Abschneiden bereitet Präsident Peter Fechner schlaflose Nächte – er muss handeln. Mit Ex-Kapitän Mario Kallnik wird ein Verantwortlicher ins Präsidium befördert, der schon als Spieler sein Herz für den Verein geopfert hätte. Als Verantwortlicher für Sport und Finanzen bekommt er die Aufgabe, aus dem FCM wieder einen Fußballklub zu formen, mit dem sich die Magdeburger identifizieren können.

An seiner Seite übernimmt zunächst Andreas Petersen vom VfB Germania Halberstadt den Trainerjob. Der Vater von Nationalstürmer Nils Petersen ist 2012 so etwas wie ein Shootingstar unter Sachsen-Anhalts Trainern. Ein Motivator, dem die menschliche Komponente seiner Kicker wichtiger ist, als die reine sportliche Leistung.

Kallnik und Petersen tauschen einen Großteil des erfolglosen Teams aus, am Ende kommen 12 neue Spieler, 13 Profis müssen den Verein verlassen. Unter den Neuzugängen befindet sich auch der spätere Aufstiegs-Kapitän Marius Sowislo, der aus Siegen an die Elbe wechselt. Im Winter folgt, auf ausdrücklichen Wunsch von Petersen, mit Stürmer Christian Beck ein weiterer Schlüsselspieler für den späteren Erfolg.

Petersens erste Saison beendet der FCM schließlich auf einem zufriedenstellenden sechsten Platz, im folgenden Spieljahr werden die Blau-Weißen Zweiter. Weil Andreas Petersen jedoch kein lizenzierter Fußballlehrer ist und das vorerst auch nicht werden will, trennen sich Trainer und Verein nach der Saison einvernehmlich. Noch heute loben spätere Aufstiegshelden wie Beck, Sowislo und Nils Butzen, der bereits seit 2011 beim Verein ist, den Einfluss von Petersen auf den sportlichen Erfolg des 1. FC Magdeburg.

Jens Härtel und der Vollgasfußball

Als Nachfolger wechselt Jens Härtel, früher Verteidiger bei Union Berlin, vom U19-Nachwuchs RB Leipzigs an die Elbe und bringt die Spielphilosophie der Red-Bull-Klubs gleich mit. Kurz nach der Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien ist der sogenannte Vollgasfußball, der seine Stärke in der Balleroberung und dem frühen Pressen bei gegnerischem Ballbesitz findet, auf dem Vormarsch und zeichnet auch Härtels Spielphilosophie aus.

Der Nachteil: Die Herangehensweise erfordert höchste taktische Disziplin und eine schier übermenschliche Ausdauer. so sind die Magdeburger Spieler zu Beginn der Saison 2014/15 zunächst überfordert und schlichtweg erschöpft von den hohen konditionellen Anforderungen Härtels und der ambitionierte FCM findet sich nach zehn Ligaspielen plötzlich auf dem zwölften Platz wieder.

Ein Spiel gegen den Tabellennachbarn Budissa Bautzen verändert jedoch die Situation: Der FCM gewinnt mit 6:0 – und verliert danach 18 Spiele einfach nicht mehr. Die Mannschaft versteht nun: Jens Härtels Spielphilosophie funktioniert, wenn sie diszipliniert ausgespielt wird. In den 18 Partien erzielen die Magdeburger satte 52 Treffer und kassieren nur sechs Gegentore. In den Regionalligaplayoffs besiegt der FCM schließlich die Kickers Offenbach mit 1:0 und 3:1 und steigt in die 3. Liga auf.

Der Klub wächst mit seinen Spielern und seinen Fans

Die Euphorie kennt an der Elbe keine Grenzen mehr. Der Zuschauerschnitt steigt von rund 8.500 in der Aufstiegssaison auf beinahe 18.500. Nach Jahren des Verdrusses will plötzlich wieder jeder zum FCM. Auch, weil der Kern des Teams nach dem Aufstieg beisammen bleibt und die Helden dieselben sind, wie in den Jahren davor. Christian Beck trifft weiterhin aus allen Lagen, Marius Sowislo dirigiert aus dem Mittelfeld, Nils Butzen ackert auf der rechten Außenbahn. Der Verein wächst - gemeinsam mit Spielern und Fans.

Dazu achtet Jens Härtel, wie schon Andreas Petersen, akribisch auf das passende Mannschaftsgefüge und lässt Mario Kallnik nach dem Drittliga-Aufstieg keine gestandenen Profis sondern entwicklungsfähige Talente aus der Regionalliga verpflichten, die den Kader in der Breite verstärken. So bleibt das Team seinem aufregenden Stil treu und beendet die Saison, für neutrale Beobachter zunächst noch überraschend, auf Platz vier.

Dabei entwickelt sich der Klub auch im Hintergrund bereits unaufhaltsam weiter. Während in den Jahren zuvor noch der Erzrivale Hallescher FC das Paradebeispiel für professionelles Wirtschaften in der 3. Liga darstellt, treibt vor allem Mario Kallnik das strukturelle Wachstum der Blau-Weißen voran und überholt dabei Stück für Stück den ungeliebten Nachbarn aus dem Süden Sachsen-Anhalts. Bereits im Winter 2016 verpflichtet er sich den überragend vernetzten Ex-Bundesligaprofi Maik Franz als Assistenten, der mit seiner offenen Art in der Öffentlichkeit als Sympathieträger und im Hintergrund als Vermittler zwischen potenziellen Neuzugängen und dem FCM agiert. Im Sommer 2017 wird der Verein umstrukturiert, Kallnik legt sein Amt im Präsidium nieder und übernimmt die Rolle des Geschäftsführers der ausgegliederten Lizenzspielerabteilung.

Hannes

Auch die zweite Saison in der 3. Liga beendet der FCM, stets im Aufstiegskampf involviert, als Vierter. Doch der sportliche Erfolg rückt im Oktober 2016 in den Hintergrund, als der 25 Jahre alte Magdeburger Fan Hannes nach einer Auseinandersetzung mit Anhängern des Halleschen FC stirbt. Während der sportliche Erfolg den Verein und die Mannschaft über die Jahre verändert, sorgt diese Tragödie schließlich auch für einen Wandel in der Anhängerschaft der Blau-Weißen. Als Hannes ums Leben kommt, schließt der Verein im Andenken an den jungen Mann sprichwörtlich die Reihen. Vermeintliche Differenzen und persönliche Eitelkeiten unter den einzelnen Fangruppen existieren nicht mehr, die Feindschaft zum Halleschen FC wird eingefroren. Für Spieler, Funktionäre und Fans zählt keine Rivalität mehr, sondern nur noch der 1. FC Magdeburg.

Schulter an Schulter wird die Aufstiegssaison 2017/18 so zum Triumphzug für das Team von Jens Härtel und den gesamten Verein. Eine Siegesserie von zehn Partien zum Saisonende beschert dem FCM nicht nur den Aufstieg, sondern auch die Meisterschaft in der 3. Liga.

Torgarant Christian Beck, mit 107 Treffern mittlerweile Magdeburger Rekordtorschütze der Nachwendezeit, wird in der Aufstiegssaison mit seinen 13 Treffern sogar noch vom überragenden Neuzugang - und Wunschspieler Jens Härtels - Philip Türpitz (17 Tore) übertrumpft. Türpitz wird schließlich Spieler der Saison, Härtel nimmt die Ehrung als Trainer des Jahres entgegen. Erstmals seit der Wende spielt der 1. FC Magdeburg zweitklassig.

Der neue 1. FC Magdeburg

Auch wenn die blau-weißen Fans weiterhin den „Magdeburger Größenwahn“ besingen, ist in den Tagen vor und nach dem Aufstieg in Magdeburg häufig das Wort „Demut“ zu hören. Niemand will vergessen, wo man hergekommen ist. Daraus zieht der FCM heute sein Selbstbewusstsein, seinen Stolz, seine Identität. Auf einem Banner im Fanblock steht am letzten Heimspieltag in der 3. Liga: „Heinz, wir haben da jemanden in Magdeburg auf dem Stuhl sitzen, auf den du dich verlassen kannst – wir grüßen dich aus der zweiten Division.“

Heinz Krügel gewann mit dem Klub einst den Europokal der Pokalsieger, eine andere Magdeburger Erfolgsgeschichte aus einer völlig anderen Zeit. Der heutige FCM, das ist Krügels Nachfolger „auf dem Stuhl“, Erfolgstrainer Jens Härtel. Das ist Geschäftsführer Mario Kallnik, der weiterhin unablässig darauf aus ist, den Verein weiterzuentwickeln. Das ist das Team mit Säulen wie Neu-Kapitän Nils Butzen oder Christian Beck, die den kompletten Weg mitgegangen sind und sich auch unablässig individuell gesteigert haben. Das ist Maik Franz, der mittlerweile Leiter der Lizenzspielerabteilung ist und dem FCM deutschlandweit ein hochsympathisches Gesicht gibt. Und das ist auch Präsident Peter Fechner, der sich während der beispiellosen blau-weißen Erfolgsgeschichte stets vornehm im Hintergrund gehalten und den Akteuren auf und am Rasen den Ruhm überlassen hat.

Möglich, dass die Magdeburger mit dem höherklassigen Niveau in der 2. Bundesliga schließlich doch überfordert sind, dass einstige Viertligakicker nicht noch eine Leistungssteigerung packen. Dass sich ein Leitwolf wie Marius Sowislo, der den Klub vor Saisonbeginn verlassen und seine Karriere beendet hat, nicht ersetzen lässt. Vielleicht endet die Renaissance des 1. FC Magdeburg nun nach sechs Jahren. Doch was bleibt, ist diese beispiellose Geschichte von Zielstrebigkeit, Fleiß, Kampfgeist und Zusammenhalt. Und für ihre Fans bleiben die Magdeburger ohnehin auf ewig „die Größten der Welt“.