Berlin - Nach dem Spiel ist vor der Denkarbeit. Und davon kommt auf die Spieler des 1. FC Union bis zur nächsten Partie am Freitag eine ganze Menge zu. Schließlich hatte der Vereinsboss Dirk Zingler ihnen vergangene Woche auf der Mitgliederversammlung einen eindringlichen Rat gegeben: „Wenn ihr glaubt, dass es gut läuft, gerade dann hinterfragt alles und jeden.“ Und momentan läuft es sogar mehr als gut. Am Montagabend besiegten die Berliner den bisherigen Tabellenführer Eintracht Braunschweig mit 2:0 (0:0). Die Mannschaft hat den Anschluss an die Aufstiegsplätze hergestellt. Doch nicht nur das: Sie hat bewiesen, dass ihr Sekundenbruchteile für die entscheidenden Aktionen reichen.

Hedlund nicht zu bändigen

Denn die Gäste, seit dem dritten Spieltag Tabellenführer gewesen, waren mit einer gehörigen Menge Respekt angereist. Eintrachts Coach Torsten Lieberknecht hatte seine Abwehr aus Angst vor der Berliner Flügel-Dynamik um einen Verteidiger vergrößert − auf fünf Mann. Der Handlungsspielraum der Unioner war daher sehr eingeschränkt. Trotzdem war Steven Skrzybski gleich zu Beginn auf und davon. Die Braunschweiger hatten Glück, dass Schiedsrichter Christian Dingert beim Ballgewinn des Unioners ein Foul erkannt haben wollte. Danach wurde Union zwar ins Zentrum gezwungen, wo der Ball oft abhandenkam, manchmal auch schon in der eigenen Hälfte. Doch einer war nicht zu bändigen: Simon Hedlund.

Phasenweise lieferte der Außenspieler Sprintspitzen und Spitzenpässe im Minutentakt. Dass es ausgerechnet der 23-jährige Schwede war, der in diesem Spiel die entscheidenden Impulse gab, kam überraschend, aber auch nicht unangekündigt. Hedlund war ja erst nach Köpenick gewechselt, als bereits vier Pflichtspiele hinter den Kollegen lagen. Die Eingewöhnung dauerte, zumal er sich an den körperlicheren Fußball in Deutschlands Zweiter Liga gewöhnen musste.

Am sechsten Spieltag feierte er sein Debüt, zwei Partien später war er erstmals in der Startelf, aber so richtig überzeugte er nicht.

Gegen Braunschweig bewies er nun jedoch, warum er den Verantwortlichen bei Union noch mehr Geld wert war als der mit der Empfehlung von 17 Toren zum Hamburger SV abgewanderte Bobby Wood. Oft war er so schnell, dass er die körperlichen Härten dieser Liga gar nicht zu spüren bekam. Die Braunschweiger waren bei seinen Antritten weder gedanklich noch physisch abwehrbereit. Schafften sie es doch mal in den direkten Zweikampf mit Körperkontakt, entwischte ihnen der 1,75 Meter große Angreifer wie ein flinkes Wiesel aus der Falle.

Rasantes Tempo

Weil beide Mannschaften dem Gegner niemals eine ruhige Zehntelsekunde für die Ballannahme ließen, war dieses rasante Tempo, das sich bei Hedlund mit technischer Versiertheit paarte, das entscheidende Element. Schon die beste Szene der ersten Hälfte hatten die 20.312 Zuschauer dem jungen Schweden zu verdanken. Er hatte Damir Kreilach freigespielt, dessen Hereingabe dann gerade noch von der verstärkten Abwehr der Braunschweiger entschärft werden konnte. Nach dem Seitenwechsel war Skrzybski der erste Nutznießer von Hedlunds Blitzattacken, er scheiterte aber dicht vor dem Tor.

Weil Dominick Kumbela Sekunden später aus der Distanz den abgefälschten Ball an den Innenpfosten schleuderte (52.), sah sich Hedlund gezwungen, nun selbst das Heft in die Hand zu nehmen. Von Felix Kroos und Kreilach bedient, zog er nach links und narrte drei Verteidiger plus Torwart. Die Führung, sein erstes Tor und Unions 500. Zweitligatreffer obendrein. Dass er dann auch beim 2:0 entscheidend beteiligt war − eh klar. Den Hedlund-Abpraller leitete der eingewechselte Philipp Hosiner zurück zu Hedlund und der weiter zu Dennis Daube.

„Wir haben uns bisher in dieser Saison eine gute, solide Position zum Festkrallen erarbeitet“, hatte der Präsident zu Team und Mitgliedern gesagt. Alles Weitere soll nun in den Köpfen seiner Profis geschehen. Auf dem Platz jedenfalls blieben wenige Fragen offen.