Merkmale einer Top-Mannschaft

Union ist angesichts dieser Ausgangslage in den vergangenen fünf Jahren mit konstanten Platzierungen zwischen Rang neun und sechs durchaus etwas Bemerkenswertes gelungen. Geschuldet ist diese Konstanz aber auch der Tatsache, dass das Team nie wirklich aus dem Mittelfeld der Liga herausragte. Auch deshalb konnte der Mannschaftskern seit dem bewusst herbeigeführten Umbruchsommer 2014 zusammengehalten und das Team weiterentwickelt werden. Nur zwei Leistungsträger verließen den Klub. Sebastian Polter (2015) und Bobby Wood (2016), weil sie im Kleinen vermochten, wozu der Klub im Großen noch nicht in der Lage war: Sie waren eine Saison lang auffällig gut.

Das könnte sich nun ändern. Vier Siege in Serie, saisonübergreifend 13 Heimspiele ohne Niederlage und Tabellenplatz zwei. „Wir sind heute bei einer momentan echten Spitzenmannschaft angetreten“, lobte Gästecoach Lienen hinterher.

Was so eine Spitzenmannschaft ausmacht, dafür hatte kurz davor Philipp Hosiner ein Beispiel genannt. „Eine Top-Mannschaft zeichnet sich dadurch aus, dass die Verantwortung nicht nur auf einer Person liegt“, sagte Hosiner, „dass nicht nur einer trifft.“ Collin Quaner, Top-Torjäger der Liga, fiel verletzt aus, Hosiner füllte die Lücke. Insgesamt haben schon sechs Unioner mindestens ein Tor erzielt. Also Haken dran.

Ein weiteres spitzenmäßiges Qualitätsmerkmal: Der Gegner weiß genau, was auf ihn zukommt, und findet dennoch keine Mittel das Erwartbare (Pressing und Kurzpassspiel) zu verhindern. Union dominierte trotz der zettelfüllenden Analysen und Vorkehrungen Lienens das Geschehen in der ersten Hälfte, zwang den Gegner zu den entscheidenden Fehlern und brachte Abschnitt zwei souverän über die Bühne. Haken. „Jetzt sieht man, was in der Mannschaft steckt“, sagte Hosiner. „Wenn wir weiter so konzentriert spielen, ist etwas Großes möglich.“

Zukunftsweisender Winter

2013 war Union nach dem siebten Spieltag sogar Erster, schaffte aber bis zum Hinrundenende rechtzeitig den Abschwung, um nicht die ganz großen Begehrlichkeiten zu wecken. Der Umbruch wurde daraufhin selbstbestimmt eingeleitet und nicht von kaufkräftigen Konkurrenten erzwungen. Ein wichtiger Unterschied. Auf einen ähnlichen Leistungsabfall deutet dieses Mal nur wenig hin. „Was wir die letzten Wochen gezeigt haben, ist das, was wir uns vorstellen“, sagte Union-Trainer Jens Keller. „Die Mannschaft hat Selbstbewusstsein, sie geht mit breiter Brust raus.“ Gleichauf mit Tabellenführer Braunschweig stellt man den erfolgreichsten Angriff, und die Defensive hat sich nach acht Gegentoren in den ersten drei Spielen berappelt, sie kassierte nur ein weiteres.

Sollte sich das Team nun tatsächlich längere Zeit an der Spitze exponieren, wird der Verein in Zugzwang geraten. Dann werden in der Winterpause die zukunftsweisenden Gespräche geführt, nicht unbedingt mit Union-Beteiligung, und sollte es später nicht für den Aufstieg reichen, liegt die Zukunft vieler Spieler vermutlich anderswo. St. Pauli und Nürnberg gereichen zum Beweis. Und auch der Karlsruher SC hat nach der Relegationsniederlage 2015 das Niveau noch nicht wiedergefunden.