1. FC Union Berlin: Die Angst vor der Vergangenheit

Amerikanische Forscher haben Labormäuse das Fürchten gelehrt, und nicht nur das: In ihrer Anfang des Jahres veröffentlichten Studie demonstrierten die zwei Wissenschaftler der Emory-Universität in Atlanta zudem, dass die Furcht an die Mäusekinder vererbt wird, obwohl sich das Erbgut nicht verändert. Stattdessen führen Umwelteinflüsse zu einer veränderten Genfunktion. Was das mit dem 1. FC Union zu tun hat?

Nun, Norbert Düwel hat, wie er stets betont, ein Mannschaftskind mit guten Genen, also Spielern, adoptiert. Deshalb hat er die Teamzusammensetzung kaum verändert. Trotzdem hatten viele gehofft, dass, da Düwel im Training fast alles anders macht, auf dem Platz nahezu nichts mehr an die missratene Vorsaison erinnern wird. Beim Auftakt in Karlsruhe spürte dann nicht nur Düwel, dass das Team trotz gelungener Vorbereitung und Trainerwechsel die Furcht aus der Vorsaison bremst. „Die Mannschaft ist nicht bedingungslos mit nach vorne gegangen, weil die Angst vor dem Verlieren überwogen hat“, sagte der Coach am Morgen nach dem 0:0. Die Angst ist geerbt.

Der Glaube an das Gewinnen-Können ist nicht so leicht herzustellen, solange in den Köpfen der Spieler die schlechte Erfahrung steckt. 2014 wurden nur zwei von jetzt 16 Punktspielen gewonnen. Angreifer Sören Brandy hat die Zahl sofort parat.

Sein Trainer versucht sich an einer Neukonditionierung. Die Einwechslungen von Torsten Mattuschka, Abdallah Gomaa und Bajram Nebihi sollten den Mut beflügeln, doch dem Sieg näher war am Ende der KSC. „Das sind Nachwirkungen aus der verkorksten Rückrunde“, glaubt Düwel. Er ist sich jedoch sicher, dass das Ergebnis zu einer mentalen Stabilisierung beiträgt, denn: „Wir können auswärts gegen einen wirklich guten Gegner zu null spielen.“

Selbstbewusstsein erzeugen

Diese Selbstgewissheit zu erzeugen, scheint das erklärte Ziel gewesen zu sein. Die Taktik war in erster Linie darauf ausgerichtet, Konter zu unterbinden und kein Gegentor zu bekommen. Leidtragender war unter anderem Brandy, der sich an der Seite von Sturmkollege Steven Skrzybski „relativ alleine“ gefühlt hatte. „Das war kein Spiel für Offensivleute“, fand er.

Dennoch war Unions erfolgreichster Feldtorschütze der Vorsaison über den ersten Punktgewinn seines Klubs in Karlsruhe seit fast 13 Jahren froh. Die Vergangenheitsbewältigung trägt erste Früchte. „Letztes Jahr hätten wir so ein Spiel auswärts noch verloren“, glaubt Brandy. Nachdem er sich Anfang Juli im Trainingslager verletzt hatte, war er ohne Spielpraxis in die Partie gegangen. Zweifel an der Einsatzbereitschaft waren nach wenigen Minuten und vielen Grätschen verflogen.

Andere wirkten hingegen gehemmt. So hatte es ausgesehen, als habe Benjamin Köhler auf der linken Seite nicht den Manuel Torres gegen sich gehabt, sondern dessen Namensvetter Fernando – seines Zeichens Champions-League-Sieger sowie Welt- und Europameister. Bis zur Auswechslung hatte ihn der Karlsruher Jung-Torres im Stil eines Titelträgers schwindelig gespielt. Immerhin: Als Geburtstagskind Köhler am Tag danach aus der heimischen Haupttribüne trat, hielt er sich wieder sicher auf den Beinen.

Der Montag war der körperlichen Regeneration verschrieben. Das heißt bei Düwel allerdings nicht, dass sich die Profis ausruhen. Im Kraftraum wurde die Muskulatur gestärkt, bevor das Eis in die Tonne kam. Fehleranalyse – „Im Offensivbereich waren wir nicht durchschlagkräftig“ – und Lob – „Wir haben defensiv überragend gestanden“ – will der Trainer in den kommenden Tagen mit der Vorbereitung auf den nächsten Gegner verknüpfen. Das erste Saisonspiel hat gezeigt: Die Erneuerung funktioniert nur Schritt für Schritt.

Nicht alle Probleme gelöst

Es geht nicht immer so einfach, wie Beobachter der Montagsübung auf dem Rasen hinter der Alten Försterei glauben mochten. Düwel kam nach einer Dreiviertelstunde zum Training der zwölf Ersatzspieler und holte sich Christopher Quiring zur Unterredung in den Mittelkreis. Danach reihte sich Quiring, der nicht im Kader gewesen war, wieder ein und drosch einen Flankenball von Torsten Mattuschka volley ins Netz, was beim ehemaligen Kapitän für lautstarkes Erstaunen sorgte. „Was so ein Gespräch ausmacht“, rief Mattuschka. Die Lacher waren wieder einmal auf seiner Seite. Doch nicht alle Probleme lösen sich dank ein paar Worten in Wohlgefallen auf.

Für den Punkt in Karlsruhe hatte Union etwas Glück gebraucht. Gegen Düsseldorf werde man einen ganz anderen Plan verfolgen, kündigte Düwel nun an. Hoffentlich einen, der den Torabschluss umfasst.

Einen Vorteil hat der Trainer in jedem Fall: Die historischen Voraussetzungen sind günstig. Die Erinnerung an die einzigen Heimniederlagen gegen Düsseldorf ist nur im Erbgut von Sebastian Bönig (seit 2005) zu finden, der als Co-Trainer nicht spiel- und somit auch nicht furchtberechtigt ist, sowie in dem von Mattuschka (seit 2007). Letzterer hat das Trauma später mit vier Siegen und einem 0:0 geheilt. Um sicher zu gehen, kann ihn Düwel − wie gegen Karlsruhe − im Vertrauen auf die Wissenschaft vorsichtshalber zunächst auf die Bank setzen.