Was unterscheidet einen jungen Spieler von einem Talent? Das Aussehen vielleicht. Ein feiner Bartstrich ziert die Oberlippe von Steven Skrzybski. Oder sind es eher Brust und Oberarmmuskeln, die deutlich hervortreten?

Schmächtige Spieler wie Skrzybski oder auch Teamkollege Eroll Zejnullahu berichten gerne davon, wie viel Zeit im Kraftraum nötig war, um sich in der Erwachsenenwelt zurechtzufinden. In der Jugend reichten Tempo und technisches Geschick. Letztlich ist es ist aber der Respekt der Mitspieler, der den Unterschied ausmacht.

Von Skrzybski werden Treffer erwartet

Wenn am Samstag in Bochum (13 Uhr, Sky) die Zweitligasaison beginnt, darf man von Skrzybski erwarten, dass er dem neuen Mittelstürmer Philipp Hosiner ein paar der 17 Treffer abnimmt, die Bobby Wood als Vermächtnis und Bürde hinterlassen hat. Man muss es sogar erwarten. „Die Talentzeit ist vorbei. Eroll Zejnullahu ist vielleicht noch ein Talent. Ich denke, dass ich den Status jetzt abgelegt habe“, sagte der Angreifer im Trainingslager.

In Villach war zu sehen, wie sehr Skrzybski vom neuen Trainer Jens Keller profitiert. Dem dortigen Testspiel gegen den italienischen Erstligisten Udinese Calcio war eine lange Unterredung vorausgegangen, in dem Skrzybski endgültig aus dem Welpenschutzprogramm genommen wurde. 23 Jahre ist er inzwischen alt. „Stevie hat unheimlich viel Potenzial, aber wir alle müssen aufhören vom Talent zu sprechen. Er hat jetzt ein gewisses Alter und ich möchte, dass er eine gewisse Reife zeigt“, sagte Keller.

Lob für die Laufmaschine

Der Aufgeforderte ließ Taten für sich sprechen. Mit zwei Vorlagen und einem Treffer war er an allen drei Toren beteiligt. Dass er in der letzten Minute nach feiner Vorarbeit des 21-jährigen Zejnullahu das 4:2 verpasste, war wohl den vielen Metern geschuldet, die er zuvor gespurtet war. Als einzigen hatte ihn Keller zu diesem frühen Zeitpunkt der Vorbereitung über 90 Minuten eingesetzt. Hinterher nannte ihn Verteidiger Toni Leistner „unsere Laufmaschine“. Das war kein streichelndes Lob, wie es über schutzbedürftige Talente gesprochen wird. Es waren Worte der Anerkennung. Wohlwissend, dass er selbst nach einer ähnlichen Laufleistung wohl zwei Wochen regenerieren müsste.

Skrzybski hingegen war schon am nächsten Tag wieder sprintbereit. Je erfolgreicher er die gegnerische Abwehr mit seinen Spurts unter Druck setzt, desto leichter wird die Abwehr für die eigene Defensive.

„Gutes System gefunden“

Die 4-3-3-Formation mit einem defensiven Mittelfeldspieler vor der Abwehr auf der Sechs und zwei zentralen Männern davor als Doppelacht ist auf schnelle Balleroberungen ausgelegt. Dann soll rasch in die Tiefe gespielt werden. Kellers Auffassung von Fußball kommt Skrzybski entgegen. Es basiert nicht nur auf Muskel- und Lungenkraft, sondern erfordert auch ein hohes Maß an Aufmerksamkeit. Es gibt keinen Spielmacher, der für ihn Raum und Zeit erkennt und den Ball entsprechend serviert. Er selbst muss die Laufwege und mögliche Pressingsituationen erspüren. „Ich glaube wir haben ein gutes System gefunden“, sagt Skrzybski. „Das spielt uns in die Karten. Wir müssen noch verinnerlichen, wann man die Momente nutzt.“ Dass er ein Gespür dafür entwickelt, war gegen Udine zu sehen, in der Generalprobe gegen Utrecht ließ er ein weiteres Tor folgen.

Die Autogrammstunden mit ihm haben sich zuletzt gehäuft. Was Christopher Quiring für die Union-Ultras ist, ist Skrzybski für die Familien. Er ist der nette Bäckersjunge von nebenan aus Mahlsdorf, der es geschafft hat. 77 Zeitligaeinsätze weist die Statistik aus, sieben Tore und acht Vorlagen. Lange hat er sich im Teamgefüge untergeordnet, fünf Jahre brauchte er für den Durchbruch. Vergangene Saison stieg er zum Stammspieler auf, bis er sich an der Schulter verletzte und fast die gesamte Rückrunde ausfiel. „Es ist noch ein bisschen Arbeit“, sagte Keller in Villach. „Den ersten Schritt hat er sehr gut gemacht.“ Viele weitere sollen nun folgen.