1. FC Union Berlin gegen Borussia Dortmund: Jens Keller verneigt sich vor dem eigenen Team

Dortmund - Kurz vor Mitternacht setzte die Entschuldigungswelle ein. „Dafür gibt es keine Ausrede. Es tut mir einfach wahnsinnig leid“, nahm Steven Skrzybski alle Schuld auf sich. Kurz darauf riss der Trainer seinen Angreifer aus der Verantwortung, um sie sich selbst auf die Schultern zu laden. „Ich muss mich bei der Mannschaft entschuldigen“, sagte Jens Keller mit Blick auf die drei Fehlschüsse, die die Sensationen gegen Borussia Dortmund nach 120 eindrucksvollen Minuten (1:1) verhindert hatten. „Die Niederlage geht auf meine Kappe.“ 0:3! „Wir haben vergessen, das Elfmeterschießen zu trainieren.“

Vergessen? Er sagte das mit erdrückend niedergeschlagener Miene. Aber natürlich war das eine bewusste Entscheidung gewesen. So ein finales Duell lässt sich eben nicht vorab simulieren, zumal im Angesicht von 25.000 pfeifenden gegnerischen Fans. Dafür hätte sich der 1. FC Union schon ins Olympiastadion einmieten müssen, idealerweise während der Halbzeitpause eines Hertha-Spiels.

Die formelle Entschuldigung war also mehr eine Verneigung vor dem eigenen Team als ein Eingeständnis, die Botschaft lautete: „Die Mannschaft hat großartig gespielt.“ Wer das nicht glaubte, brauchte nur auf den Dortmunder Trainer Thomas Tuchel blicken, der sich daneben erschöpft über das Mikrofon krümmte. Der Favorit war ans Ende seiner Kräfte gebracht worden.

Mitgehalten und Kraft gespart

Auch die Fußballer des 1. FC Union waren müde und abgekämpft, die Augen gerötet und die Energiereserven aufgezehrt. Ihr Haupt trugen Spieler und Trainer aber selbstbewusst durch die Dortmunder Nacht. Sie verkündeten laut und deutlich, dass es um Größeres geht als eine einmalige Pokalüberraschung. Der Ausflug nach Dortmund hat insbesondere bei Toni Leistner die Lust auf mehr Bundesliga-Fußball geweckt. „Unser Ziel ist es, irgendwann jede Saison gegen diese Mannschaft zu spielen. Dafür müssen wir in der Liga alles tun“, sagte der Innenverteidiger. „Ich sehe nur Positives heute“, versicherte Felix Kroos.

Bei Skrzybski allerdings saß der Gram wirklich tief. Er machte sich Vorwürfe. „Das Gefühl will keiner haben“, sagte er. „Und die nächsten Tage wird es nicht einfacher.“ In der 100. Minute war er bereits am Torwart vorbeigewesen. Er sah Eroll Zejnullahu neben sich frei vorm Tor, lief weiter, überlegte, wog ab. Grandios war sein Volleytreffer zum Ausgleich vom Strafraumeck gewesen, nur Sekunden nach der Einwechslung − gelenkt von der Intuition. Nun eröffneten sich zu viele Alternativen und vor allem die Möglichkeit, darüber nachzudenken. Er legte quer. Die Chance auf das Siegtor war dahin.

Zeit zu haben ist ein Luxus, zu viel Zeit zu haben ein Fluch. Wenn die mentale Kraft fehlt, die Gedanken in Zaum zu halten. Dann fliegen auch Elfmeterschüsse nicht ins Netz. Diese Konzentrationsübung war das einzige, was die Unioner nicht meisterten.

Davor hatten sie es sogar vollbracht, zwei Stunden gegen dieses europäische Topteam mitzuhalten und gleichzeitig Kräfte zu schonen. Auf sechs Positionen hatte Keller die Startelf verändert. „Wir haben frische Kräfte reingebracht, um auch am Sonnabend wieder frische Kräfte reinbringen zu können“, erklärte Keller. Der überzeugende Torwart Daniel Mesenhöler etwa wird wieder auf der Bank Platz nehmen, so war es mit Stammkeeper Jakob Busk vorab verabredet worden.

Gegen Düsseldorf gilt es, den Aufstiegsplatz zu festigen, und angesichts solch hehrer Ziele konnte sogar Skrzybski dem Aus ein Gutes abgewinnen: „Von dem Erlebnis zehren wir ein paar Wochen. Das sollte uns Auftrieb geben.“ Wenn er ein neues Zeitgefühl für die Verwertung von Aufstiegschancen mitbringt, werden ihm die Mitspieler sicherlich verzeihen.