Kienbaum - Nach der Ansprache läuft Sascha Lewandowski suchend über das Feld. Wo ist die Stoppuhr? Er braucht sie, um sich und die Mannschaft zu zügeln. Monatelang hat er darauf gewartet, wieder mit einer Mannschaft auf dem Platz zu arbeiten. Seit Freitag darf er das beim 1. FC Union, aber schon am Montag hatte er das Gefühl, dass die Spieler körperlich und in Sachen Aufnahmefähigkeit am Limit sind. „Die Jungs sind zugeballert“, sagt er tags darauf.

Der 43-Jährige ist Fußballtrainer. Das weiß zwar jeder, aber er betont es trotzdem, denn als solcher lasse er normalerweise trainieren, bis die Spielform funktioniert. Die Dauer der Übung: „Pi mal Daumen“, sagt er. Das führte dazu, dass die Spieler nach den ersten zwei Trainingslager-Tagen erschöpft waren.

Lewandowski hat viel vor: Die Mannschaft soll die Passivität ablegen und die Gegner dominieren. Das ist eine Umstellung, die viel Anstrengung und Aufmerksamkeit erfordert. Also zwang er sich am Dienstagnachmittag mit der Uhr in der Hand – er fand sie schließlich auf der Bank neben dem Feld liegend – zu kurzen Intervallen.

Lewandowskis erster Punkt

„Der Wechsel dauert und deshalb erwarte ich keine Wunderdinge“, sagt er später. Am Sonnabend steht nach einer Woche Vorbereitungszeit in Karlsruhe bereits das erste Spiel unter seiner Regie an. Mit dem Gegner hat er sich bislang nicht beschäftigt. „Das wäre das Grundfalsche gewesen“, erklärt er. „Es tat uns gut, eine Woche nur auf uns zu schauen.“ Sein Credo lautet schließlich Aktion statt Reaktion.

Dass es dafür Mut braucht, der momentan im Team nicht sonderlich verbreitet ist, weiß er. Die Botschaft, die er während des Trainings an die Fußballer sendet lautet: „Traut euch was zu!“ Es soll nach vorne gespielt werden und nicht hinten rum. Bloß keinen Fehler machen zu wollen, dieser Vorsatz hemmt. „Dann machst du Dinge erst richtig falsch und erreichst das Gegenteil“, ist Lewandowski überzeugt. Das hat er den Spielen anhand von Videoszenen aufgezeigt.

Anders als im sportlichen Bereich sieht der neue Coach im Hierarchiegefüge keinen Änderungsbedarf. Den Mannschaftsrat und die Kapitäne möchte er zumindest vorerst so belassen, wie sie von seinem Vorgänger Norbert Düwel bestimmt wurden. „Die Jungs haben einen guten Umgang miteinander, die Mannschaft funktioniert“, findet er. Deshalb ließ er die für Dienstagabend angesetzte „gemeinsame Aktivität“ streichen.

Stattdessen durfte die Truppe vorzeitig nach Berlin zurückreisen. „Da habe ich einen Beliebtheitspunkt als Trainer bekommen“, sagt Lewandowski. Er lacht. Es wirkt nicht so, als ob er diesen Punkt nötig hat. Die Stoppuhr ist schließlich kein Quäl-, sondern ein Schon-Instrument. Am Ende übergibt er sie an Spielführer Damir Kreilach. Damit auch das Auslaufen ein rechtzeitiges Ende finden kann.