Villach - Kristian Pedersen lässt im Training keine Situation aus, um zu zeigen, wer er ist. Das muss auch Benjamin Kessel erfahren, der mit einem lauten Schrei zu Boden geht. „Kein Foul?“ Kessel ist fassungslos. Pedersen hat längst den Gegenangriff eingeleitet. „Ich spiele aggressiv und mag die Offensive lieber als die Defensive“, sagt der 21-Jährige. „Meine erste Priorität ist es, nach vorne zu gehen. Ich mag die Art von Fußball, die wir hier spielen: so geradlinig wie möglich nach vorne.“

So ähnlich spricht auch Christopher Lenz. Auch er ist 21 Jahre alt, auch er ist Linksverteidiger mit Offensivdrang. Sogar in Sachen Kopfballstärke sind sie einer Meinung, obwohl Pedersen acht Zentimeter größer ist als der 1,81 Meter große Lenz. Dass sie nun bei Union um den Posten konkurrieren, ist eine pikante Wendung.

Denn die fußballerische Ähnlichkeit der beiden war auch Borussia Mönchengladbach nicht entgangen. Dort hatte man Pedersen im Januar zum Probetraining geladen – als Ersatz für Lenz, der sich derweil bei Union vorstellen durfte. Weil Pedersens Transfer vom dänischen Klub HB Köge aber nicht zustande kam, ließen die Borussen Lenz erst nach Saisonende nach Köpenick ziehen. Worüber sich der damalige Union-Coach Sascha Lewandowski nach dem Winterlager in Spanien tagelang ärgerte. Schließlich war die Position links hinten seit Jahren eine Schwachstelle im System. Sie war so lange vakant, dass zu befürchten war, dass sie gar nicht mehr besetzt werden würde.

Jahrelang erfolglose Fahndung

Schon Uwe Neuhaus fahndete vor vier Jahren nach einer Alternative für Linksverteidiger Patrick Kohlmann, fand aber nur Allzweckspieler Michael Parensen im eigenen Kader. Der Vorgang wiederholte sich seitdem Jahr für Jahr. Norbert Düwel versuchte Innenverteidiger Fabian Schönheim entgegen dessen Stärken und Vorlieben umzuschulen, Lewandowski versuchte es hinten links mit Redondo, weil Lenz ja noch nicht durfte.

Nach einem halben Dutzend erfolgloser Transferperioden fand nun nicht nur Lenz den Weg zurück in seine Heimatstadt Berlin, sondern auch der Däne Pedersen. Der sagt: „Es ist lustig, wir haben in Mönchengladbach zusammen trainiert.“ Der eine bringt die Erfahrung aus 109 Regionalligaspielen (Mönchengladbach II) ein, der andere ist 58 Mal in der zweiten dänischen Liga aufgelaufen. Ob das für die ambitionierten Ziele von Union Berlin reicht? „Es sind klassische Linksverteidiger. Man merkt sofort, dass sie die Abläufe und das Stellungsspiel drin haben“, sagt Fabian Schönheim.

"Sie haben die nötige Power"

Endlich entsprechend ausgebildete Verteidiger im Kader zu haben, ist für Union von großer Bedeutung. Das schnelle Spiel über Außen ist im taktischen Konzept von Trainer Jens Keller ein Schlüssel. Schönheim ermöglicht das jedenfalls die Rückkehr in die Innenverteidigung, er ist also gar nicht unglücklich über die Verpflichtung. „Ich finde beide gut, sie haben die nötige Power“, sagt der 29-Jährige.

Pedersen hatte auch Angebote anderer Vereine. „Aber alles hier hat mir die Sicherheit gegeben, dass es der richtige Schritt ist, zu Union zu wechseln, um mich menschlich und sportlich zu verbessern“, erklärt er. Man kümmere sich sehr gut um die Spieler, helfe bei Problemen, „ein großer Klub mit fantastischen Fans“.

Die Verständigung mit Mittelfeldmann Maximilian Thiel funktioniert schon ganz gut, der weist an: „You stay outside, I go inside“, du draußen, ich innen. „Good so.“ Schräg gegenüber in der Formation ohne grüne Leibchen das gleiche Spiel, nur auf Deutsch. Kenny Prince Redondo und der gebürtige Berliner Christopher Lenz suchen die Harmonie der einstudierten Bewegung. In der Gunst des Klubs scheint Pedersen ganz leicht die Nase vorne zu haben. Im mit 3:2 (3:1) gewonnenen Test gegen den italienischen Erstligisten Udinese Calcio, spielte Pedersen 60 Minuten, Lenz die letzte halbe Stunde.

„Ich möchte von Anfang an spielen, dafür tue ich im Training alles“, sagt Pedersen. Dafür verzichtete er sogar auf die Olympischen Spiele, obwohl er anders als Torhüter Jakob Busk im vorläufigen Aufgebot der Dänen stand. „Die Olympischen Spiele wären ein Risiko, weil ich mich hier den Fans, dem Klub und vor allem dem Trainer zeigen will.“ Kessel weiß inzwischen, was er damit meint.