Berlin - Wer Kindern das Wort Ekstase erklären möchte, kann aus einem Lexikon vorlesen. Dort stehen dann allerdings viele andere Wörter, die einer weiteren lexikalischen Erklärung bedürfen. „Entzückung“ etwa, oder „schwärmerische Überspannung“ oder „Zustand, in dem der Mensch der Kontrolle seines normalen Bewusstseins entzogen ist“.

Einfacher ist es daher, zu Lehrzwecken im Internet ein Video von Philipp Hosiner abzuspielen, das ihn in den Sekunden nach dem Siegtor gegen Nürnberg zeigt. Besser kann der Moment, in dem die Seele vor Freude aus dem Körper heraustreten will, kaum festgehalten werden, diese Vollendung des Glücks. „Genau so stellt man sich das vor“, sagte der Stürmer, nachdem er den 1. FC Union an die Tabellenspitze geschossen hatte.

Das klingt erst mal nach einer Floskel, aber Hosiner hat sich das wirklich immer und immer wieder vorgestellt. Genau so. Woche für Woche, wenn er auf der Ersatzbank saß, hat sich der 27-Jährige Gedanken darüber gemacht, wie es ist, wenn er eingewechselt wird. „Dann schieße ich ein Tor und helfe der Mannschaft damit“, hatte er im Berliner Kurier vergangene Woche aus seiner Traumwelt berichtet. „Wenn das dann eine Wunschvorstellung bleibt, ich nicht eingewechselt wurde, dann ist das für mich frustrierend“, sagte er auch noch.

Ungewöhnlicher Siegeswille

Es waren also Monate voller Frust, die er seit November verlebte. Siebenmal wurde er eingewechselt (ohne Torerfolge), fünfmal nicht. Zwischendurch kollabierte ein Lungenflügel, Hosiner fand sich im Krankenhaus wieder. Er, der im Sommer nach eigenem Bekunden auf dem Weg war, „körperlich sehr fit zu werden“, weil er „so ein intensives Training wie bei Union in meiner Karriere schon lange nicht mehr gemacht“ habe. Er, der zu Saisonbeginn doch mit dem Ziel angetreten war, die Torgaranten Sebastian Polter und Bobby Wood vergessen zu machen.

Doch Hosiner ließ sich nicht vom Fußballfrust erdrücken, vor zwei Jahren hat er einen bösartigen Nierentumor besiegt. „Mein Fußballerleben ist viel zu kurz, um mich jetzt hängen -zulassen oder Trübsal zu blasen“, hatte er vor der Partie gegen Nürnberg gesagt. Keine Chance zu haben, ins Team zu rutschen, war für ihn erträglich, weil die Ursache dafür der Erfolg der Mitspieler war. Das war deutlich angenehmer, als dem Team beim Verlieren zuzusehen, er leistete Extraschichten auf dem Übungsplatz und im Kraftraum.

„Ich habe mich in den vergangenen Wochen und Monaten sehr gut im Training gefühlt“, sagt er dann nach dem 1:0-Sieg am Montagabend, als die Fans sich im Stadion An der Alten Försterei heiser gejubelt und die Spieler in Richtung Kabine entlassen hatten.

Reinkommen, zum Sieg treffen, feiern. Auch wenn sich dieser Traum eines jeden Ersatzstürmers für Hosiner in dieser Saison erst zum ersten Mal erfüllte, so verbildlicht dies doch die Stärke des 1. FC Union in dieser Spielzeit. Einen Angreifer mit solch präziser Schusstechnik und Beweglichkeit auf der Bank sitzen zu haben, ist ein Luxus, den sich in der Zweiten Liga sonst kaum einer leisten kann. Oder leisten muss, weil es ja auch bedeutet, dass da einer von Beginn an stürmt, der − Spieglein, Spieglein − noch besser ist.

Polter ist ja inzwischen aus England zurück. „Ich bin froh, dass der Trainer noch etwas mit einem zweiten Stürmer riskiert hat“, sagt Hosiner, „das ist nicht selbstverständlich.“

In der Tat. Womit wir neben den leistungsstarken Reservisten bei der zweiten Saison-Besonderheit wären: dem unbedingten Siegeswillen. So ein 0:0 in der Schlussviertelstunde gegen Nürnberg zu verteidigen, wäre an und für sich nicht schlecht gewesen. Schließlich war gegen diesen Verein aus Franken noch nie mehr drin gewesen als ein Punkt, und der hätte dieses Mal schließlich auch gereicht, um Rang zwei zu verteidigen.

Aber nicht schlecht ist bei Union nicht mehr gut genug. „Der Trainer hat mir auf den Weg mitgegeben, dass wir das Spiel unbedingt gewinnen wollen“, verrät Hosiner. Und er sagt: „Ich wusste, dass ich ein Stürmer bin, der nicht viele Chancen braucht.“ Deshalb sind die Eisernen nun Erster.

Eineinhalbwöchige Zwangspause

Selbstbewusstsein plus Risiko gepaart mit Talent, die Folge: Christopher Trimmel schickte Steven Skrzybski in die Tiefe, der legte den Ball dorthin zurück, wohin Hosiner von Gespür für Bewegung geleitet wurde und wo er seine Schussfähigkeit endlich wieder unter Beweis stellte. Aus 17 Torschüssen resultieren drei Saisontreffer, kein Union-Angreifer ist effizienter, nicht mal Polter, der jeden sechsten Schuss versenkt, kurz nach Hosiners Einwechslung nur den Pfosten traf und zwei Minuten später den Siegtorschützen derart wüst von den Beinen riss, dass dessen labile Gesundheit ernsthaft gefährdet zu sein schien.

Aber ein Menschen ohne Bewusstseinskontrolle kann offenbar auch physisch keinen Schaden nehmen. „Das war die totale Befreiung“, sagt Hosiner, „die totale Ekstase“. Sie hat am Montag jede Union-Seele erfasst. Dumm nur, dass nun alle wegen der Länderspiele eineinhalb Wochen auf Hosiners nächste Einwechslung warten müssen.