Begreifen, was derzeit passiert, kann Collin Quaner nicht. Mit Handtuch über den Schultern erhob er sich von der Bank, stakste auf den Rasen. Alle knuddelten ihn, Trainer, Betreuer, Pressesprecher, Mitspieler. Da wirkte der Schlacks etwas ungelenk, so wie man ihn in Erinnerung hatte. Aber davor? Dieser Wahnsinn, die Ecke von Eroll Zejnullahu volley zu nehmen? Diese Präzision, dass der Rechtsschuss ins Netz einschlug, und zwar nicht in das, welches die Zuschauer vor Querschlägern schützt. Dieses Ergebnis von 4:0 gegen den Karlsruher SC, zu dem Quaner zwei Treffer und zwei Vorarbeiten beigesteuert hat? „Langsam wird es ein bisschen unheimlich“, sagt Quaner.

Selten ist der 1. FC Union so dominant aufgetreten wie am Sonnabend. Die Gäste wussten nicht einmal, wie sie sich aus der eigenen Hälfte herausspielen sollten. Dieses Mal positionierten sich die Unioner in Mittelfeld und Abwehr so geschickt, dass keine Freiräume entstanden − und vor allem ließen Steven Skrzybski und Collin Quaner den Karlsruher Defensivspielern keine ruhige Millisekunde. Es überraschte, dass das Duo auch in der zweiten Hälfte nicht ermüdete.

Offensichtlich braucht Quaner die Dauerbelastung. „Der Fußball, den wir spielen, ist gut für mich“, sagt er und fährt sich mit der Zunge über die Lippe, „aggressiv vorne drauf gehen“. Gleich in den ersten fünf Minuten erpresste er sich zwei Mal den Ball, die Karlsruher wurden panisch. Mehr als zwei Ballberührungen in Serie schafften sie selten.

"Collin ist schnell"

2015 war Quaner mit der bescheidenen Empfehlung von sechs Saisontreffern auf Betreiben von Norbert Düwel vom VfR Aalen zu Union gewechselt. Eingesetzt wurde er fast nie. Nicht bei Rückstand, nicht bei Unentschieden, nicht bei Führung. Fragte man den Coach (inzwischen Sascha Lewandowski), was für eine Einwechslung geschehen müsse, folgte die Antwort: „Collin ist schnell.“ In der Stille schwang mit: sonst nichts. Unter André Hofschneider war es genauso. Gesprächsstoff lieferte Quaner nur als Koch seiner glutenfreien Gerichte.

Jetzt ist alles anders, weil sich Philipp Hosiner nach dem ersten Spieltag verletzte, und Ersatz Quaner direkt beim ersten Startelfeinsatz von Skrzybski am Fünfmeterraum so in Szene gesetzt wurde, dass ein Fehlschuss unmöglich war. Seitdem ist das Selbstvertrauen da. Gegen Karlsruhe legte er Damir Kreilach das 1:0 auf (22.), umkurvte dann nach Skrzybski-Steilpass Keeper René Vollath und erhöhte (44.). Unerheblich daher, dass Skrzybski nach identischem Spielzug − Ballgewinn, Pass nach vorne in den Mittelkreis, nach hinten prallen lassen, Steilpass − am leeren Tor vorbei gezielt hatte.

Einfach genießen

„Das muss er am besten schnell vergessen“, rät Quaner hinterher. Schon passiert. „Welche Chance?“, fragt Skrzybski nach Schlusspfiff. „Ich kann mich nicht daran erinnern.“ Weg ist auch die Erinnerung an diesen Spieler aus Aalen, der, wenn er mal auf den Rasen durfte, Chancen grotesk vergab. Nach dem Seitenwechsel war Quaner im Sechzehner nur durch ein Foul zu stoppen (Skrzybski verwandelte den Strafstoß). Es folgte die Krönung: Der eingewechselte Zejnullahu zog den Eckball auf das hintere Strafraumeck, Quaner nahm aus der Distanz Maß. Sein bereits fünfter Ligatreffer der Saison war der schönste. 4:0. Abgang. Stehende Ovationen.

„Er wird nicht nur anhand seiner Tore bewertet“, sagt Jens Keller. „Wie er sich reinhaut und immer wieder in die Tiefe geht“, das zählt für den Trainer. Der entscheidende Unterschied zu seinen Vorgängern an der Seitenlinie ist: Die Spieler sind überzeugt, dass das vorgegebene Konzept Erfolg verspricht. Endlich passen das System und die individuellen Anlagen zusammen. Am meisten trifft das auf Skrzybski (sechs Scorerpunkte) und Quaner (sieben) zu, der sagt: „Ich genieße es einfach.“