Berlin - Als Sebastian Polter dem Portal RevierSport kurz vor Weihnachten ein Interview gab, sagte er zwei Dinge, die kurz aufhorchen ließen, allerdings auch ein einstudiertes Understatement hätten sein können. Dass er irgendwann nach Deutschland zurückkehren werde, erfuhr man nämlich dabei von ihm, überdies, welcher Klub es ihm besonders angetan hätte: der 1. FC Union Berlin. Die Köpenicker, so der Angreifer, „sind für mich immer reizvoll“. Dennoch kam die von den Eisernen am Dienstag in die Welt gebrachte Meldung, wonach Polter ab sofort wieder für die Mannschaft von Trainer Jens Keller stürmen wird, schon sehr überraschend. „Back for good“, titelte der Verein über diesen Coup, der die konkrete Rückrunden-Vorbereitung im spanischen Trainingslager in Oliva Nova einläutete.

Kaum noch Chancen auf Spielzeit

Für den gebürtigen Wilhelmshavener lief es nicht allzu gut bei seinem Verein, den Queens Park Rangers. Den englischen Fußball mochte er zwar. Der Wechsel auf die Insel sei die Erfüllung seines Traums gewesen, sagte er mal. Doch seit Kurzem bekam er kaum noch Chancen, sich in der zweithöchsten Spielklasse zu zeigen. So vermehrten sich die ersten Signale auf Abschied, obwohl er in dieser Championship-Spielzeit immerhin 20 Ligaspiele (vier Tore, drei Vorlagen) bestritt. Seitdem Ian Holloway dem zuvor glücklosen Jimmy Floyd Hasselbaink auf den Trainerstuhl von QPR gefolgt war, machte Polter kein Spiel mehr über 90 Minuten. Nach Weihnachten wurde er sogar aus dem Kader genommen.

Die Euphorie in Köpenick kennt jetzt kaum noch Grenzen. „Is ja irre“ oder „Ich freue mich riesig“, lauteten einige Kommentare auf Facebook. Dabei war der 25-Jährige als Leihgabe vom FSV Mainz 05 lediglich eine Saison an der Alten Försterei, bevor er nach der Saison 2014/15 ins westliche London wechselte.

Torgefährlicher Fußballarbeiter

In 29 Partien hatte Polter 14 Tore erzielt und sechs Treffer vorbereitet. Zumindest diese Torquote wurde bereits eine Saison später von Bobby Wood übertroffen. Doch Polter war mehr als die Anzahl seiner Tore: Er war stets einer, der sich bedingungslos einsetzte, ein torgefährlicher Fußballarbeiter mit Technik und Gespür – und vor allem eine Identifikationsfigur. Sein Abgang vor anderthalb Jahren war daher für viele schmerzlicher als der von Wood, der seit seinem Wechsel zum Hamburger SV auch keine allzu gute Figur macht.

Polter weiß um seine Rolle. „Ich werde mich für den Verein wieder zerreißen“, teilte er via Videobotschaft auf dem Weg zum obligatorischen Medizincheck in Berlin mit. Das hört man in Köpenick traditionell sehr gern, auch von offizieller Seite. „Mit Sebastian Polter kehrt ein Spieler zu Union zurück, der hier in relativ kurzer Zeit einen sehr positiven und bleibenden Eindruck hinterlassen hat. Natürlich mit seinen 14 Treffern in einer Saison, aber vor allem auch mit seinem Auftreten als Profi und seiner Art als Mensch. Diese Qualitäten sind von hohem Wert für unsere Mannschaft, die große Ziele erreichen möchte“, sagte Helmut Schulte, Leiter der Lizenzspielerabteilung.

Diese großen Ziele dürften mit seiner Verpflichtung nun zu einer ambitionierten Mission werden, die nur einen Namen trägt: Aufstieg. Das schürt Erwartungen und steigert somit auch den Druck. Denn von nun an orientiert sich das Auftreten der Unioner an diesem anspruchsvollen Ziel.

Wachsende Konkurrenz

Auch innerhalb des Mannschaftsgefüges sorgt die Verpflichtung für neue Sachverhalte. Sören Brandy wechselte mit sofortiger Wirkung zum Ligakonkurrenten Arminia Bielefeld. Er verließ das Trainingslager bereits Dienstag. Für Philipp Hosiner und Collin Quaner stellt der Zugang einen weiteren Konkurrenten für die derzeit einzige Mittelstürmerposition dar. Vor allem Quaner, dessen Vertrag am Saisonende ausläuft, könnte seine Fortschritte in dieser Saison ernsthaft gefährdet sehen, wenn nun mit Sebastian Polter kein Mann für die Bank, sondern einer mit Ambitionen und Klasse verpflichtet wird.

Diese Verpflichtung wird wohl die teuerste in der Geschichte des Klubs werden. Englischen Medien zufolge steht eine Ablösesumme von drei Millionen Pfund im Raum, etwas mehr als 3,4 Millionen Euro. Damit wäre Polter gut drei Mal teurer als der in dieser Saison verpflichtete Simon Hedlund. Der Betrag des Polter-Wechsels würde damit in etwa der Ablöse für Wood entsprechen, ist also nicht unbedingt ein Indiz für plötzliche finanzielle Leichtsinnigkeit der Köpenicker.

Allerdings ist es ein Signal an die Konkurrenz – und an das eigene Umfeld. Dieses Umfeld, von dem er schon oft schwärmte, bedachte Polter mit persönlichen Worten, kurz bevor er heute ins Trainingslager nachreisen wird. „Der Kontakt zu Union ist nach meiner Zeit in Berlin nie abgerissen. Es war unglaublich, wie viele Unioner nach London gekommen sind, um mich spielen zu sehen. Jetzt an die Alte Försterei zurückzugehen, fühlt sich wie eine Heimkehr an, obwohl ich nur ein Jahr hier gespielt habe. Ich freue mich sehr, nun wieder Teil der Union-Familie und Köpenicker zu sein“, sagte er. Mit diesen Wort hatten sie den verlorenen Sohn endgültig wieder ins Herz geschlossen.