Wenn man genau hinhörte, ließ sich im letzten Gesang in der Alten Försterei die Erleichterung genauso identifizieren wie das Triumphgefühl: „Spitzenreiter, Spitzenreiter“, sangen Unions eiserne Fans. Aber bevor die Unioner den dafür nötigen sechsten Sieg in Serie sicherstellten, galt es, den 1. FC Nürnberg mit viel Mühe 1:0 (0:0) niederzukämpfen. Mit sehr sehr viel Geduld. „Die Aussicht auf die Tabellenführung hat uns heute ein bisschen gelähmt“, sagte Unions Trainer Jens Keller.

Die Unioner mussten mitansehen, wie der Club sich unter dem erst vor dem vorherigen Spiel gegen Bielefeld ins Amt gehievten Trainer Michael Köllner renitenter zeigte als zuvor. Die Gäste mühten sich um genau das Pressing und die Laufintensität, die Union auszeichnet. Daher entwickelte sich ein munteres Spiel in der Alten Försterei, in dem nicht auf Anhieb zu erkennen war, dass ein Verein um den Aufstieg spielt und einer eher noch gegen den Abstieg.

Vor allem in der Anfangsphase erlebte Union, wie die Nürnberger den Eisernen den Sturm an die Tabellenspitze vermasseln wollten. Über rechts setzte Tobias Kempe fein durch und donnerte in der 9. Minute etwa von der Strafraumgrenze ein erstes Mal gefährlich auf das erneut von Daniel Mesenhöler gehütete Tor. Jakob Busk fehlte nach seiner Oberschenkelverletzung erneut. Gerade Unions Viererkette, in der Roberto Puncec Emanuel Pogatetz ersetzte, musste beim Spielaufbau immer wieder die energisch störenden Nürnberger Angreifer um den Kameruner Edgar Salli überwinden.

Zum Joker auserkoren

Unions Spielaufbau litt zunächst sehr unter dem Nürnberger Störfeuer. In der 14. Minute dann sorgte Simon Hedlund mit einem feinen Diagonalpass in den Strafraum auf Christopher Trimmel für die torträchtigste Aktion der ersten Spielhälfte. Trimmels Gegenspieler Salli stocherte dem Unioner zwischen den Beinen herum und brachte ihn zu Fall, ohne den Ball zu spielen. Den fälligen Elfmeter allerdings verweigerte Schiedsrichter Jochen Drees den Berlinern. Ganz offensichtlich erbost über die Ungerechtigkeit grätschte Unions Stürmer Sebastian Polter unmittelbar in der Folge Nürnbergs Verteidiger Dennis Lippert um und holte sich dafür seine erste Gelbe Karte seit seiner Verpflichtung von den Queens Park Rangers ab.

Mit fortschreitender Spielzeit schafften es die Eisernen dann, das Spielgeschehen zunehmend in Richtung Nürnberger Tor zu verschieben. Allerdings gelang es den Mittelfeldstrategen um Felix Kroos und Stephan Fürstner nicht, die schnelle und abschlussstarke Offensivabteilung um Polter entscheidend in Szene zu setzen. Die Nürnberger erwiesen sich als fast erstaunlich gut organisiert für die Punktausbeute, die sie in dieser Saison bisher zustande gebracht haben. So musste Union Fernschüsse von Polter (33.) und Steven Skrzybski aus 18 Metern (36.) als beste, aber doch nicht extrem vielversprechende Torchancen der ersten Spielhäfte anerkennen.

Schiedsrichter Drees verletzt

Auch die Ansagen in der Halbzeitpause halfen den elf Unionern nicht erheblich weiter. Nach dem Wiederanpfiff gelang es den Nürnbergern besser als in der Viertelstunde vor dem Wechsel, das Spiel ausgeglichen zu gestalten. Eine Viertelstunde vor Schluss versuchte dann Unions Trainer Jens Keller seinem Team noch einmal einen neuen Impuls im Sturm auf die Tabellenspitze zu geben: Er brachte Philipp Hosiner für seinen Kapitän Felix Kroos. Unmittelbar anschließend wäre auch gern der Schiedsrichter Drees ausgewechselt worden. Offensichtlich war er körperlich unpässlich und musste sich so dringend am Oberschenkel behandeln lassen dass das Abwarten des Spielendes indiskutabel schien. So bescherte der Schiedsrichter später sechs Minuten Nachspielzeit in eigener Sache. „Die Verletzungsunterbrechung des Schiedsrichters“, klagte Nürnbergs Trainer Köllner später, „hat uns aus dem Tritt gebracht.“

Dem Verlierer muss die Sicht gestattet sein: Unterstützt von Hosiner im Doppelsturm kam Polter zunächst zur besten Chance. Allein stürmte er auf Nürnbergs Torwart Raphael Schäfer zu, traf aber von der Strafraumgrenze nur den Pfosten (80.). Aufgeschoben war allerdings nicht aufgehoben: Nur drei Minuten später spielte Union es über die rechte Seite aus, Trimmel und Skrzybski, der den Ball auf Hosiner fein zurücklegte, so dass der von Trainer Keller zum Joker auserkorene Österreicher aus zehn Metern ungehindert zur doppelten Führung einschoss: im Spiel und in der Tabelle.