Das Angebot kam hoch über den Wolken. Irgendwo zwischen New York und München wurde Stephan Fürstner zum Profi. Der Rekordmeister FC Bayern stattete den damals 18-Jährigen mit einem Vierjahresvertrag aus. „Er ist ein riesiges Talent“, jubilierte der damalige Bayern-Manager Uli Hoeneß im Sommer 2006. Neun Jahre später heißt Fürstners Vertragspartner 1. FC Union, der Gesprächsort war weniger spektakulär: Der Mittelfeldspieler nutzte die Zeit vor dem zurückliegenden spielfreien Wochenende für einen Besuch an der Alten Försterei. Die Pläne des 27-Jährigen aber sind himmelsstürmend. „Mein Ziel ist die Bundesliga“, erklärte er seinen Wechsel von Fürth nach Berlin. „Ich sehe, dass Union viele Schritte in diese Richtung eingeleitet hat.“

Der gebürtige Münchner ist das, was man in Bayern als feiner Kerl bezeichnet. Menschlich und sportlich sei er eine Bereicherung, ist zu hören, obwohl er Fürth im Abstiegskampf bislang nicht über die Maßen helfen konnte, da er aus der defensiven Position vor der Abwehr zu wenig Impulse nach vorne gibt. Doch er ist einer, den die Journalisten nicht an den Pranger stellen. Weil sie ihn schätzen. Genau wie die Verantwortlichen bei Greuther Fürth. „Jeder weiß, dass Stephan für uns als Spieler und als Mensch einen unglaublichen Stellenwert hat“, sagte Klubpräsident Helmut Hack. „Er ist in jeder Hinsicht etwas Besonderes. Deshalb haben wir bis zuletzt um ihn gekämpft.“

Es war vergeblich, weil Union dem Sportler die Chance auf den Aufstieg glaubhaft machte. Fürth ist ein Ausbildungsverein, Union ein Verein mit Ambition. Die Verpflichtung ist ein Indiz für das, was noch kommen wird. Die Köpenicker rüsten auf, denn ein Fürstner macht noch keine Bundesliga. Am Mittwochnachmittag verkündete der Klub den nächsten Zugang auf Basis des Suchprofils. Der 1,91 große Abwehrspieler Benjamin Kessel ist auch 27 Jahre alt und ablösefrei, hat Erfahrung mit Bundesligaauf- und -abstieg und war seinem bisherigen Verein Eintracht Braunschweig über mehrere Jahre treu.

Fürstner will noch nicht über die Zukunft reden, denn in Fürth tobt der Abstiegskampf. „Ich möchte den Ball flachhalten und mich aufs Wesentliche konzentrieren“, sagte er am Telefon. Wenn er im Sommer umzieht, kann er den neuen Kollegen berichten, was auf sie zukommen könnte.

Mit Fürth, wohin er 2009 von den Bayern wechselte, stieg er 2012 in die Erste Liga auf, 2013 nach nur vier Siegen mit 21 Punkten wieder ab, 2014 scheiterte er in der Relegation am Hamburger SV. Fürstners Tor reichte nicht, weil auch der HSV ein Mal traf und nach zwei Unentschieden dank des Auswärtstreffers letztlich die Klasse halten konnte. Jetzt kämpft der Klub aus Franken gegen den Sturz in Liga drei. Dieses Auf und Ab hat Fürstner Kraft gekostet, dennoch fällt es ihm schwer, den Verein nach sechs Jahren zu verlassen.

Er sieht wenig begeistert aus, als er den Abschied im Klub-TV verkündet. „Ich brauche neuen Wind und eine neue Herausforderung“, sagt er: „Das wird mir in Berlin geboten.“ Der Vertrag läuft wie der von Kessel bis 2017 mit leistungsbezogener Option für ein weiteres Jahr.

Sein neuer Coach Norbert Düwel erwartet von ihm, dass er der „Defensive durch seine Erfahrung Stabilität verleiht“ und „seine Führungsqualitäten einbringt“. Kapitän Damir Kreilach freut sich auf den Mitspieler, der ihm in den Duellen mit Fürth aufgefallen ist und der ihm die nötige Rückendeckung für mehr Offensivaktionen geben könnte. „Er ist ein super Spieler, eine laufstarke Maschine“, sagt Kreilach.

Felix Magath, der Fürstner 2006 in den Profikader des FC Bayern holte, verglich das Talent mit einem der Besten: „Er ist einer, der immer mitdenkt und mitspielt ? so wie Philipp Lahm“, sagte er. Mit dem späteren Kapitän der Nationalmannschaft hat der Neu-Unioner auch gemein, dass er über den Tellerrand des Fußballs hinausschaut.

Sozial engagiert

Profi zu sein sei ein Privileg, findet er, und gründete 2012 die Stephan-Fürstner-Stiftung, die Spenden für die Elterninitiative krebskranker Kinder Nürnberg sammelt. Das Engagement geht auf seine Zeit beim wohlhabenden FC Bayern zurück, mit dessen Jugendteams er die Welt bereiste. Das Schlüsselerlebnis war der Besuch eines Waisenhauses in Indien, wo ihn ein Kind mit strahlenden Augen packte und zu einem Poster führte, auf dem Fürstner abgebildet war. Der junge Fußballprofi war tief beeindruckt, wie glücklich die Kinder trotz karger Lebensumstände waren. „Die Arbeit in der Stiftung bringt mich runter, auf den Boden der Tatsachen“, erklärte er einmal der Neuen Osnabrücker Zeitung. Und: „Das gleicht den Fußball aus.“