1. FC Union Berlin: Steven Skrzybski - ein Vorbild wider Willen

Es ist eine selbstbewusste Meinung, die Steven Skrzybski vertritt. Er findet: „Es ist nicht viel Unterschied zwischen der Ersten und Zweiten Liga.“ Und dieser kleine Unterschied liege nicht im spielerischen Bereich. Aus dieser Grundannahme resultiert die entscheidende Frage, deren Antwort der Angreifer seit einem Jahr mit noch mehr Akribie als zuvor auf der Spur ist: „Warum reicht es aktuell nicht für die Erste Liga?“ In dieser Saison, die für den 1. FC Union am heutigen Sonnabend beim Bundesligaabsteiger FC Ingolstadt (13 Uhr) beginnt, will der 24-Jährige beweisen, dass er den Grund gefunden und die richtigen Schlüsse daraus gezogen hat.

In der Generalprobe gegen Queens Park gab es zwei typische Skrzybski-Momente. Den ersten kurz nach dem Seitenwechsel: Da hatte der davongeeilte Stürmer sehr viele Sekunden Zeit, um sich zu überlegen, wie er den Keeper im Eins-gegen-eins überlistet. Er verrannte sich wie so oft in Gedanken und auf dem Platz. Seine Torausbeute lässt zu wünschen übrig: 15 Treffer in 107 Zweitligaspielen, dazu 13 Vorlagen.

Die zweite exemplarische Szene folgte in der Schlussphase, als einziger spielte Skrzybski die 90 Minuten. Weil er rechts, zentral und neuerdings auch links einsetzbar ist, und weil er die Ausdauer hat. Da zischte nun also der Ball an ihm vorbei, Skrzybski guckte fassungslos. Dann senkte er den Kopf, sprintete hinterher und machte aus dem viel zu steilen Pass eine Torchance.

Skrzybski ist ein Wunschspieler. So einen hat jeder Trainer gerne im Kader. Die körperlichen und fußballerischen Voraussetzungen für erstklassigen Profisport bringt er mit. Darüber hinaus ist er wissbegierig und notorisch unzufrieden mit sich selbst. Sein Spürsinn für Verbesserungen ist so gut, dass sogar ein Champions-League-Coach wie Jens Keller davon profitiert.

Beginn beim Urschleim

Vor einem Jahr, gerade zum Stammspieler gereift, begann Skrzybski mit Yoga. Aus Überzeugung und Faulheit. „Ich wusste, dass ich extrem verkürzt bin. Ich kann mich aber nicht motivieren, mich jedes Mal nach dem Training 20 Minuten zu dehnen.“ Einmal pro Woche fährt er seither nach Friedrichshain, wo ihn seine Lehrerin sogar zu 90 Minuten Bewegungsschule nötigt. Bei den Erinnerungen an die ersten Stunden lacht er. „Sie musste bei mir im Urschleim anfangen, weil ich extrem unbeweglich war. Fußballer sind mehr die Stampfer. Mit Feingefühl ist da nicht viel.“

Seinem Trainer blieben die Fortschritte nicht verborgen, Keller erkundigte sich und setze Yoga auf den Trainingsplan, sein Assistent Henrik Pedersen traf sich in der Sommerpause sogar mit Gurus aus Indien. Auch Philipp Hosiner nimmt jetzt Privatstunden. „Ich dachte am Anfang, dass es belächelt wird“, erzählt Skrzybski. „Aber viele hatten sich schon damit befasst, es gab nur die Hemmschwelle, es selbst zu probieren.“ So wurde er zum Vorreiter wider Willen.

Denn Skrzybski gehört zu den Menschen, die nach außen sehr selbstbewusst wirken, im Innern aber von Zweifeln getrieben sind. Die privaten Yogastunden hatte er auch deshalb genommen, um sich nicht in der Gruppe zu blamieren. Selbst wenn man schon zu den Guten gehört, verschwinden die Zweifel nicht. Da können andere noch so viel loben. Wenn er etwa ohne Vorwarnung für einen Pressefotografen die Yoga-Figur „herabschauender Hund“ vorführen soll, wird er unsicher. Wie in den langen Sekunden auf dem Weg zum Tor.

Sein Können kommt zum Vorschein, wenn er keine Zeit hat nachzudenken und einfach im Moment verharrt. War es mutig im ausverkauften Stadion in Dortmund den Ball volley zu nehmen, mehr als 20 Meter, spitzer Winkel? „Es war die einzige Chance“, sagt Skrzybski. „Wenn ich Tore aus der Intuition heraus erzielen muss, passieren die besten Dinge.“ Der irre Ausgleich im Pokal gegen den BVB, der Heim-Treffer gegen Stuttgart, der Lupfer in Aue. Was ihm keiner zutraut, das gelingt. Letzte Saison hat er mehr als die Hälfte seiner Karrieretreffer (acht) erzielt.

Kühlen Kopf bewahren

Dauerhaft will er sich aber nicht auf schlechte Vorlagen verlassen. „Ich habe mir für dieses Jahr eine Sache überlegt, die ich als Ergänzung zum Yoga einbauen will. Die physischen Möglichkeiten sind im Fußball irgendwann ausgeschöpft“, glaubt er. „Die Reserven liegen vor allem im psychischen Bereich. Auch was die Belastbarkeit in Stresssituationen betrifft. Einen kühlen Kopf bewahren, spielerische Lösungen finden in hektischen Situationen.“

Was genau er sich vorgenommen hat, verrät er nicht. Es geht in die Richtung der Konzentrationsaufgaben, die Keller zunehmend in die Mannschaftseinheiten einbaut. „Jeder Mensch hat verschiedene Gehirnströme, aber die meisten wissen nicht, wie sie darauf zugreifen können“, sagt Skrzybski. Ob er schon eine Ahnung hat, wird sich in Ingolstadt zeigen.