Um 13.52 Uhr hatte es Jens Keller endlich geschafft. „Danke“, seufzte er und schob ein Lächeln hinterher, als die letzte Frage bei seiner ersten Spieltagspressekonferenz für den 1. FC Union Berlin gestellt war. Wie schon bei seiner Vorstellung haderte er sichtlich mit der Neugier der Anwesenden – und damit, dass er die ganze Zeit stehen musste.

Kurz zuvor hatte er noch von den tollen Bedingungen bei Union geschwärmt, die sich nicht einmal hinter denen bei seinem ehemaligen Arbeitgeber Schalke 04 verstecken müssten: „Hier merkt man überall und bei jedem, dass man mit Leidenschaft dabei ist. Das ist nicht nur ein Job.“ Seine Leidenschaft fürs Stehen muss Keller in den kommenden Monaten wohl noch finden.

Bochum schwer berechenbar

Am Sonnabend kommt es aber nicht auf Steherqualitäten an, wenn die Köpenicker beim VfL Bochum in die Saison starten. „Wir haben sie sehr gründlich analysiert“, berichtete Keller. Die Bochumer haben einen Umbruch hinter sich, das macht sie nur schwer ausrechenbar.

„Bochum ist auf Augenhöhe“, sagte Keller deshalb. Nur mit welchen Spielern er die drei möglichen Punkte aus dem Ruhrgebiet zu entführen gedenkt, ließ er sich nicht entlocken. Er bleibt damit seiner Linie treu, zuerst mit den Spielern über die Aufstellung zu reden. Das wird er auch mit Kenny Prince Redondo tun. Der war Unions Top-Torschütze in der Vorbereitung.

Gegen Utrecht bot der Mittelfeldmann ein beeindruckendes Spiel und machte so vergessen, dass zuvor viele seiner Einsätze durchwachsen waren. Redondos Entwicklung ist Keller natürlich nicht entgangen: „Er ist auf einem guten Weg, aber er muss noch hart an sich arbeiten.“ Keller gab  sich insgesamt selbstbewusst: „Ich bin sehr zufrieden mit der Vorbereitung. Die Mannschaft hat gut mitgearbeitet und wir haben alle gut durchbekommen.“

Sieglose Auftakte mit Schalke

Doch wie immer nutzt auch die beste Vorbereitung nichts, wenn sie sich im Spiel nicht auf den Rasen überträgt. In der zurückliegenden Spielzeit war das bei Union oft der Fall, wenn die Berliner auswärts antraten. André Hofschneider machte das daran fest, dass man sich in der Alten Försterei zwar Selbstvertrauen hart erarbeitete, davon aber auswärts nicht profitierte.

Jens Keller will davon nichts mehr hören: „Wir wissen zwar, was war, aber das ist bei uns aktuell kein Thema mehr.“ Vor dem ersten Auswärtsspiel zählen für ihn andere Dinge. Doch auch für Keller selbst verliefen Saisonstarts selten wunschgemäß. In seiner Zeit bei Schalke 04 blieb Keller in den ersten drei Ligaspielen nach Saisonstart stets sieglos.

Für Unions Ziel Top 20 im deutschen Profifußball ist  langer Atem wichtiger als ein Sprint zum Saisonstart. Das Ziel ist formuliert, dennoch bleibt man gelassen. „Wir müssen nicht aufsteigen. Wir sind entspannt, weil uns viele nicht auf dem Zettel haben. In der Liga haben sich einige Klubs massiv verstärkt. Aber Geld muss am Ende nicht unbedingt aufsteigen“, erklärte Keller. 

"Liga ist so interessant wie selten zuvor"

Mit dem VfB Stuttgart und Hannover 96 konkurrieren zwei Erstliga-Absteiger um die vorderen Plätze. Dahinter wird es eng. „Die Liga ist so interessant wie selten zuvor. Ich freue mich schon auf diese spezielle Atmosphäre“, sagte Keller. Er meint damit auch die baldige Heimpartie gegen Dynamo Dresden.

Interessant wird auch, wie und ob es Keller gelingen wird, den Abgang von Bobby Wood zu kompensieren, der in der Vorsaison 17 Tore schoss. Die Last liegt auf den Schultern von Philipp Hosiner, der in der Vorbereitung drei Mal traf. „Optimal wäre natürlich, wenn er 18 Tore macht“, sagte Keller. Das allerdings wäre ein Fazit für das Saisonende.

Keller hat übrigens eine Agenda gemacht, was sich bis dahin bei Union ändern muss. „Ich werde dafür sorgen, dass es bald Stühle gibt“, sagte er mit einem Lächeln, nachdem er 22 Minuten lang das Frage-Antwort-Spiel über sich ergehen lassen hatte. Vermutlich ist aber sogar der sofortige Aufstieg realistischer als das Erreichen dieses Ziels.