Vor drei Wochen lockte die U23 des 1. FC Union mehr als 8 000 Zuschauer ins Stadion an der Alten Försterei. Das Derby gegen den BFC Dynamo ließ Fans in Nostalgie und alte Rivalitäten eintauchen, besonders jene, die zuletzt ihr Heil abseits des millionenschweren Bundesligatreibens bei der „Zweeten“ gesucht haben. Jetzt sind die Tage des Reserveteams gezählt. Union löst seine U23 zum Saisonende auf und wird nicht mehr mit einem zweiten Erwachsenenteam am offiziellen Spielbetrieb teilnehmen.

Hermann Andreev und Lutz Munack, die Leiter des Nachwuchsleistungszentrums, haben dem Klubpräsidium zu diesem Schritt geraten. Denn die U23 war kein Selbstzweck, sondern als Entwicklungshilfe für Talente gedacht. Das Regionalligateam erschien den Verantwortlichen diesbezüglich zuletzt aber eher hinderlich als zielführend. „Unsere Hauptaufgabe ist es, die talentiertesten Spieler mit Spielzeit zu versorgen“, erklärt Munack im Vereins-TV. „Insbesondere den letzten drei Jahren wird uns diese Möglichkeit immer weiter genommen.“

Schuld seien die zunehmenden Parallelansetzungen von Regionalliga- und Zweitligaspielen, sagt der kaufmännisch-organisatorische Leiter des Nachwuchsleistungszentrums. Das Problem: Für den Spielbetrieb der U23 wird ein großer Kader unterhalten. Die eigentliche Zielgruppe, die talentiertesten Nachwuchsspieler, kommen aber nicht in den Genuss der Spiele, da sie zur gleichen Zeit bei den Profis auf der Bank sitzen.

Wilfried Riemer, Leiter des Spielbetriebs im Nordostdeutschen Fußballverband (NOFV), kann den Vorwurf nicht nachvollziehen. „Wenn nicht Polizei oder Fernsehen anderweitige Anliegen hatten, sind wir den Wünschen von Union nachgekommen“, sagt Riemer. In seinem Büro klingeln Telefon und Handy ununterbrochen, schließlich wirkt sich der angekündigte Rückzug von Union II auf andere Vereine aus. Für den Verband sei die Abmeldung aber kein Problem, beruhigt er. „Wir werden das über Auf- und Abstieg abfangen“, sagt er. Ein Team, das am Saisonende auf einem Abstiegsplatz steht, wird in der Liga verbleiben. Möglich auch, dass es gar keinen sportlichen Absteiger gibt.

Unions Abschied von der U23 basiert auf einem Sinneswandel. Nach dem Regionalligaaufstieg im Jahr 2012 freute man sich darüber, dass Talente hier den Unterschied zwischen Jugendfußball und Erwachsenensport lernen könnten. Inzwischen ist die Meinung gereift, dass der Ertrag den Aufwand nicht rechtfertigt. Anders denkt man bei Hertha BSC. „Unsere U23 wird weiterhin am Spielbetrieb teilnehmen“, hieß es gestern aus der Presseabteilung.

Etwas mehr als 1,6 Millionen Euro investiert Union in dieser Saison in die Nachwuchsabteilung. Das sind 6,4 Prozent der Gesamtausgaben. Die wirtschaftlichen und personellen Kapazitäten sollen durch den Wegfall der U23 nun zielgerichteter eingesetzt werden, um die talentiertesten Jungfußballer besser zu fördern. „Der direkte Weg aus der U19 in den Trainingskader der Lizenzmannschaft ist der beste“, sagt Munack. Als Beleg dienen ihm Steven Skrzybski, Eroll Zejnullahu oder Björn Jopek, die direkt aus den Jugendteams ins Profitraining berufen wurden. „Ein A-Jugend-Spieler steigt mit einer ganz anderen Basis in den Männerbereich ein, als noch vor zehn Jahren“, sagt Munack.

Unangenehme Einzelgespräche

Diese Entwicklung zeigt sich auch darin, dass Bundesligateams ihre Talente heutzutage lieber an Zweitligisten ausleihen, als sie in einer eigenen Regionalligareserve spielen zu lassen. Vor diesem Hintergrund hatte Bayer Leverkusen beim Ligaverband DFL erfolgreich die Aufhebung des Zwangs beantragt, eine U23 für den Spielbetrieb melden zu müssen. Von der kommenden Saison an sind auch Drittligisten von der Pflicht befreit. Der Hallesche FC, Dynamo Dresden und der Chemnitzer FC wollen dann lieber eine sogenannte „Future-Team„-Spielrunde mit Sparta Prag, FC Slovan Liberec und FK Teplice ausspielen, als sich dem regulären Spielbetrieb zu unterwerfen.

Ähnliches stellt man sich in Köpenick vor. Union will über das Jahr verteilt 14 bis 16 Begegnungen organisieren, die nicht mit den Terminen der Lizenzmannschaft kollidieren. In diesen Spielen sollen dann Talente und Profis Spielpraxis bekommen, die Andreev und Cheftrainer Norbert Düwel auswählen. Für wenige Toptalente soll sich die Situation also verbessern. Für einige andere bedeutet die Umgestaltung das Aus. In U23 laufen die meisten Verträge aus, und für manch U-19-Spieler könnte der Traum von der Zukunft als Profifußballer in einem der Einzelgespräche enden, die Munack und Andreev nun führen werden. Doch auch hier überwiege der positive Effekt, glaubt man bei Union. Es werde verhindert, dass sich Spieler zu lange falsche Hoffnungen machten, ohne für die fußballlose Realität vorzusorgen.