Bad Kleinkirchheim - Raffael Korte versucht es jetzt auf eigene Faust. Seit seinem vierten Lebensjahr stand er stets im Duo mit seinem Zwillingsbruder Gianluca auf dem Fußballplatz − zunächst in Schifferstadt, dann in Mechtersheim und zuletzt für Eintracht Braunschweig. „Es tut uns gut, dass jeder alleine anerkannt wird“, sagt Korte nun. Der Bruder ist noch auf der Suche nach einem neuen Arbeitgeber, er selbst hat seine neue Heimat beim 1. FC Union bereits gefunden. „Mit neuem Verein, neuen Zielen und einer neuen Chance Vollgas zu geben“, das ist sein Motto.

Getreu der Ansage verzichtete er darauf, im ersten Trainingslager der neuen Zeitrechnung ein Zimmer mit seinem alten Kumpel Benjamin Kessel zu beziehen, der ebenfalls aus Braunschweig nach Köpenick gewechselt ist. Er will möglichst schnell integriert werden, wohl wissend dass dieser Prozess nicht nur über das Sportliche in Gang gesetzt wird.

Am Morgen des dritten Trainingslagertages wurde Korte dann allerdings unsanft aus dem Schlaf gerissen. Ursache war weder Trennungsschmerz noch Zimmerkollege Dennis Daube oder die albtraumhafte Erinnerung an das 1:2 im Test gegen Austria Klagenfurt am Vorabend. Nein, um sieben Uhr brüllte ein viel zu gut gelaunter Moderator neben dem Mannschaftshotel einen Pulk Radfahrer für ein Rennen auf die Straße. „Wie man so viel erzählen kann“, wundert sich Korte und schüttelt im Nachhinein noch den Kopf.

Inzwischen ist das Vormittagstraining absolviert, die meisten Radfahrer sind im Ziel, und Helene Fischer zieht nicht mehr lautstark „in zerrissenen Jeans um die Häuser“. Denn auch der DJ hat Feierabend, als Korte aus dem Speisesaal in die Hotellobby kommt. Endlich ein bisschen Ruhe. „Es ist wichtig, dass man die Zeit zwischen den Trainingseinheiten für sich nutzt“, sagt Korte. Das heißt auch: sich mal hinlegen. Er bevorzugt auch in Berlin die ruhige Wohnlage in Stadionnähe, anstatt den Puls der Stadt zu spüren, in der nicht nur die Jeans zerrissen sind.

Profi ohne Profigedanken

Manche werden fürs Reden bezahlt und andere fürs Spielen. Letzteres ist beim 24-Jährigen der Fall, obwohl der in einem Alter noch in der Oberliga aktiv war, in dem andere längst Nationalspieler sind. „Ich habe eigentlich immer zum Spaß gespielt und das nie als Beruf gesehen“, sagt er. Erst nach dem Abitur wurde es ernst, als er mit fast 21 Jahren vom TuS Mechtersheim zu Eintracht Braunschweig wechselte, natürlich im Verbund mit dem Bruder.

„Ich habe kein Nachwuchsleistungszentrum durchlebt, wo der Profigedanke vermittelt wird“, sagt er. Damit ist er eine Ausnahme in der Ausbildungsmaschinerie. Trainer Norbert Düwel schätzt das verbliebene Entwicklungspotenzial ebenso wie die unverfälschte Kreativität des beidfüßigen Mittelfeldspielers. „Er soll unsere Offensive unberechenbarer machen“, begründete Trainer Düwel die Verpflichtung.

Beim Auftakttest in der Kärnten-Woche hatte der österreichische Zweitligaaufsteiger aus Klagenfurt Union allerdings schnell auseinanderdividiert. „Wenn man sich so wenig bewegt und so wenig Engagement zeigt, kann man so eine Partie nicht gewinnen“, kritisierte Düwel danach. Und: „Das war wie im Schweinsgalopp.“ Korte, der erst zur Pause in die Partie kam, hatte immerhin Anteil daran, dass es in der zweiten Hälfte etwas besser aussah. Kapitän Damir Kreilach erzielte nach einer Stunde immerhin noch den Anschlusstreffer zum 1:2. „Die Mannschaft hat eine enorme Qualität. Das merkt man auch außerhalb des Platzes“, glaubt Korte dennoch. Er fühlt sich wohl und sucht den Kontakt mit den neuen Kollegen.

2013 nach dem Aufstieg mit Braunschweig hatte er sich auch wegen der Aussicht auf eine Reservistenrolle in der Ersten Liga nach Saarbrücken in die Dritte Liga ausleihen lassen. „Das Jahr hat mir extrem viel gebracht“, sagt er. Er war erstmals für ein paar Monate von seinem Bruder getrennt und sammelte Spielpraxis. Mittlerweile traut er sich den Sprung in die Bundesliga zu, obwohl er für Eintracht nach der Winterpause nur zu zwei Einsätzen kam. Umso glücklicher war er, als die Anfrage von Union kam. Er zwang sich, Freund Kessel nichts davon zu erzählen, der ja bereits bei Union unterzeichnet hatte. Korte wollte das neue Glück nicht durch verfrühtes Gerede zerstören. Jetzt fehlt nur, dass auch sein Bruder nach einem Kreuzbandriss wieder Anschluss findet.