Es ist doch eher ungewöhnlich, dass der Trainer einer Fußballmannschaft nach einem 0:3 vor heimischem Publikum alles andere als enttäuscht ist. Dass er in der Mixed Zone freudig Auskunft gibt und dabei „die Jungs“, wie er seine Profis nennt, gleich mehrmals für ihren Auftritt lobt. Sechzig Minuten lang habe er ein sehr gutes Spiel seiner Mannschaft gesehen, „gute Dynamik“, „gute Bewegungen“, „gute Aktionen im Umschaltspiel“, „gute Raumaufteilung“, „gute Präzision“, erklärte der Fußballlehrer. Das Einzige, was man seinen Jungs vorwerfen könnte, sagt er,  ist die mangelnde Effizienz beim Torabschluss. So stand es in der ersten Hälfte 0:1, obwohl „du mit drei Toren in Führung liegen müsstest“.

An dieser Stelle hat Urs Fischer, von dem hier natürlich die Rede ist, im Nachgang des am Sonnabend ausgetragenen Testspiels gegen Celta Vigo dann doch ein wenig übertrieben, ansonsten konnte man dem Trainer des 1. FC Union grundsätzlich nicht widersprechen.

Union: Geheimtest am Freitag

Die für das erste Bundesligajahr des Klubs runderneuerte Mannschaft machte gegen den spanischen Erstligisten zu keiner Minute den Eindruck des Überfordertseins, konnte das Tempo halten, tatsächlich gegen die Galizier eigene Akzente setzen. Und das Ergebnis? Nun, die Null und die Drei, die am Ende auf der Anzeigetafel zu sehen waren, deutete Fischer wie folgt: „Vielleicht war das genau im rechten Moment“, sagte er. Und: „Das war bisschen Euphoriebremse. Und gar nicht so schlecht,  weil es auch dazu gehört, mit solchen Rückschlägen, mit solch einer Ohrfeige umgehen zu können.“ 

Zu dieser Einschätzung war kurz  zuvor im Austausch mit den Journalisten auch Christopher Trimmel gekommen, der Kapitän der Eisernen sagte: „Auch wenn es blöd klingt: Es ist nie ein Nachteil, wenn man in der Vorbereitung auch mal ein Spiel verliert. Das gibt Dir noch mal so einen Schub, weckt dich noch mal auf. So wissen wir, was wir noch besser machen müssen.“

Zweimal hatte Fischer am Wochenende seine Jungs in einen Vergleich mit Vigo geschickt. Am Freitagnachmittag in einen, von dem die Öffentlichkeit im Nachhinein nur etwas erfuhr, weil die Medienabteilung der Gäste munter vom Geschehen via Twitter berichtete. Der Geheimtest sollte der zweiten Reihe und den Spielern mit Nachholbedarf Gelegenheit zur Spielpraxis geben, musste nach 72 Spielminuten beim Stand von 1:1 jedoch abgebrochen werden. Ein Umstand, der Fischer schon ein wenig ärgerte, weil in der Vorbereitung bei derartigen Leistungstests auf höchstem Niveau jede Minute äußerst wertvoll ist. In der Abwehr kamen jedenfalls unter anderem Neven Subotic und Marvin Friedrich zum Einsatz, im Angriff Anthony Ujah und Sebastian Polter, der sich mit dem Treffer zum 1:0 in Szene setzte.

Am Sonnabend testete Fischer wiederum mit einer entsprechenden Startelf den Ernstfall, der ja schon am kommenden Sonntag gegeben ist, wenn die Eisernen in der ersten Runde des DFB-Pokals bei Germania Halberstadt anzutreten haben. In einem 4-2-1-3 durften sich vor Torhüter Rafal Gikiewicz folgende Profis beweisen: Christopher Trimmel, Nicolai Rapp, Keven Schlotterbeck,  Ken Reichel – Grischa Prömel, Christian Gentner – Marcus Ingvartsen – Sheraldo Becker, Sebastian Andersson, Marius Bülter. Wobei vor allem Becker und Ingvartsen durchaus Hinweise auf ihr großes Potenzial liefern konnten. Schlotterbeck verteidigte selbstbewusst und nahezu fehlerfrei, was ihn in Abwesenheit von Friedrich (gesperrt), Florian Hübner und Subotic (beide Trainingsrückstand) zur ersten Option für den Pflichtspielauftakt beim Regionalligisten macht. Fragezeichen bleiben bei der Besetzung der linken Seite, weil Reichel und Bülter sich zu selten gegenseitig in Position brachten beziehungsweise zu selten eine Bindung zum Spiel fanden.

Die wertvollsten Erkenntnisse dürfte Fischer gleichwohl aus der gründlichen Analyse der Gegentreffer ziehen. Beim ersten hatte er einen Stellungsfehler ausgemacht, beim zweiten einen im Spielaufbau, „wenn du da nicht präzise bist, wirst du auf diesem Niveau sofort bestraft“. Beim dritten, einem Kopfballtor im Anschluss an einen Eckstoß, zeigte Fischer sich milde, weil nach den vielen Wechseln, die er in der Schlussphase vollzogen hatte, eine klare Zuordnung nicht mehr gegeben sein konnte.

Denkaufgabe für die Journalisten

Mit dem Eindruck, ein sehr gutes Trainerwochenende gehabt zu haben, verabschiedete sich Fischer am Sonnabend schließlich in zwei trainingsfreie Tage. Es sei wichtig, „dass die Jungs wieder ein bisschen runterfahren. Die vergangenen fünfeinhalb Wochen waren wirklich sehr intensiv, jetzt gilt es wieder spritzig zu werden“, sagte er und gab den Medienvertretern im Hinblick auf die Besetzung der Startelf noch eine kleine Denkaufgabe mit auf den Weg: „Wir haben genügend Infos, aber mehr werde ich hier natürlich nicht an Euch weitergeben. Ihr habt die Qual die Wahl, ich bin mal gespannt, wie treffsicher ihr seid.“