Die Ausgangslage

War für beide gleich, aber doch nicht ähnlich: Geprägt vom DFB-Pokal kam Düsseldorf mit der peinlichen Erfahrung, beim 1:6 in Hannover einen Ruf als Schießbude aufgebaut zu haben, Union hingegen brachte seinen überraschend gleichwertigen Auftritt beim Champions-League-Teilnehmer Dortmund ein, ebenbürtig nach regulären Toren über gleich 120 Minuten, aber dann zu überrascht von der eigenen Qualität, um auch noch die Elfmeter reinzudonnern.

Im Ergebnis haben drei versemmelte Schüsse dem Selbstbewusstsein eines Tabellenzweiten, der konkurrenzfähig ist bei einem hochgehandelten Erstligisten nicht im Zuwachs Einhalt geboten. Dass der Klub danach einen bizarren Streit mit den Dortmundern begonnen hat, in wessen Zuständigkeit die Schreckensbilanz der Union-Fans fällt, mit einem versuchten Stadionsturm und reichhaltiger Pyrotechnik, hat höchstens dafür gesorgt, dass bemerkenswert wurde, dass in der Alten Försterei gegen Düsseldorf alles friedlich blieb, mit geordnetem Einmarsch der Anhänger, ohne Feuerwerk und mit ausschließlich gewohnt bester Stimmung.

Das Ergebnis

Union hat in allen statistischen Werten vorne gelegen, nur beim wichtigsten nicht: null Treffer, Düsseldorf einen. Glücklicher lässt sich ein Sieg also kaum beschreiben als bei Fortuna oder unglücklicher die Niederlage.

Der Trainer Jens Keller zog seinen Trost daraus, dass „Düsseldorf nur einen Punkt hinter uns liegt, wir sie aber über 90 Minuten klar dominiert haben“. Soll heißen: Union spielt einen klasse Fußball und ist richtig gut, auch wenn es mal in die Hose gegangen ist gegen die Fortuna.

Also reduzieren wir das Ergebnis nicht auf den miesesten Parameter, sondern machen uns die Mühe größtehrlicher Vollständigkeit: 20:8 Torschüsse für Union, 63:37 Prozent Ballaktionen für Union, 51:49 Prozent Zweikampfquote für Union, 12:5 Ecken für Union, 15:3 Flanken aus dem Spiel für Union und 19:18 Fouls am Gegenspieler für Union. Allein: 2:4 Gelbe Karten und 0:1 Gelb-Rote Karten.

Die erste Hälfte

Keller ersetzt bei Union gleich sechs Spieler aus dem Dortmund-Spiel. Die frischen Kräfte kommen auch für den elfmetermüden Torwart Daniel Mesenhöler, Felix Kroos, Kenny Redondo, Eroll Zejnullahu sowie die verletzten Michael Parensen und Collin Quaner.

Es sind Jakob Busk, Philipp Hosiner, Steven Skrzybski, Damir Kreilach, Stephan Fürstner und Dennis Daube. Taktisch spielt Union damit die Raute. Praktisch spielt Union damit nicht das Gelbe vom Ei. Viel Dominanz zwar, aber sonst? Die zwei Mannschaften beginnen mit der Energie aus dem DFB-Pokal. Union lässt noch das Restadrenalin aus dem Gefühl, einen Champions-League-Teilnehmer am Rande des Ausscheidens gehabt zu haben, durchblicken.

Das Spiel beginnt ja zum Glück nicht mit Elfmetern, sondern mit Spielzügen und Kampf. Das konnte Union ja schon an diesem Mittwochabend. Düsseldorf steckt noch sichtbar der Schreck in den Gliedern wie schnell man sich blamieren kann bei einem Klassenkameraden. Sechs Gegentore sorgen nicht gerade für Selbstbewusstsein.

So musste Michael Rensing die Unsicherheiten der Kollegen gleich in den ersten zehn Minuten zwei Mal in höchster Not ausbügeln. Als die sich danach fingen, standen sie in zwei Viererketten so engmaschig wie ein Grenzzaun, auch so unter Strom wie einer.

Da es zügig hin und herging in der ungefährlichen Zone, kostete es höchstens die eingesetzten Kicker den Atem. Weil sich die Düsseldorfer zweite Liga wieder zutrauten und Union nicht gerade Weltklassekombinationen einfielen, kam die erste Halbzeit für das Publikum aber ohne atemberaubende Torchancen aus.

Die zweite Hälfte

Verfolgt man die Wandlung nach der Pause, so drängt sich der Wunsch auf, der Weltfußballverband möge mehr Pausen einführen, in denen Trainer sich ihre Mannschaften zur Brust nehmen können. Denn Union zeigte plötzlich mehr Angriffswucht, und auch der Düsseldorfer Trainer Friedhelm Funkel hatte seiner Truppe nach der geglückten Reanimation eines gegentorfreien Selbstbewusstseins größeren Mut verordnet.

Den zeigte zwar zuerst Kaan Ayhan, als er Christopher Trimmel von hinten umtrat und dafür in der 50. Minute erst Gelb gezeigt bekam, bevor er für das Festhalten Skrzybski am Trikot auch noch Rot sah, nach dem zweiten Gelb. Union lieferte also Eckbälle und Flanken im Minutentakt ab, ganz so wie der Trainer in der Halbzeit angeregt hatte („weniger durch das Zentrum“), nur fand sich in der Mitte keiner, der den Ball hindernislos auf das Tor beförderte.

„Immer“, klagte Keller, „war noch ein Fuß dazwischen.“ Wie bei Toni Leistner in der 52. Minute beim Schuss von der Strafraumgrenze, bei Hosiner in der 55. Minute, bei Skrzybski in der 73. Minute, bei Skrzybski in der 79. Minute. Nur bei Kreilachs Kopfball in der 81. Minute war nichts mehr dazwischen, allerdings auch kein Tor oder Tornetz. Andererseits lief es bei Union in der Verhinderung eben weniger glücklich.

Der Überraschungseffekt beim ersten Düsseldorfer Angriff, der in Tornähe kam in der 56. Minute, war so plötzlich, dass kein Unioner darauf vorbereitet war. Lukas Schmitz setzte sich auf der rechten Union-Abwehrseite fein durch und dann standen plötzlich Roberto Puncec, Toni Leistner und Kristian Pedersen genauso falsch wie dumm rum, als Rouwen Hennings an Torwart Busk scheiterte und Ihlas Bebou den Abpraller reinschoss.

Rückmeldung des Tages

Dennis Daube brachte das Kunststück fertig, die meisten Torschussvorlagen des Spiels zu liefern (7) und die meisten Ballaktionen vorzuzeigen (92). „Er bringt die Qualität mit, Felix Kroos zu ersetzen“, sagte Keller, „ich war mit seiner Leistung zufrieden.“

Vielleicht bringt er sogar noch mehr Qualität mit. Kroos konnte den direkten Vergleich nicht mehr abliefern: Eigentlich war sein Einsatz nach anfänglichem Ausruhen auf der Bank für später noch vorgesehen, aber dann fiel ja Christopher Trimmel verletzt aus und damit Kroos Einsatz. Denn ein Rechtsverteidiger ist er ja nicht wirklich. Bisher.

Besonderes Vorkommnis

Der Schuldige an der Niederlage für die Union-Fans unter den 21 195 Zuschauern war Patrick Alt. Der spielt zwar nirgendwo, lief aber immer brav mit als Schiedsrichter. Er gab wahrscheinlich sein Bestes, irrte gelegentlich, eignete sich aber kaum als Buhmann, weil die Fehler sich zu Lasten und zum Wohle beider Teams aufhoben und er alles Wichtige richtig sah.

Nett aber vom DFB, dass er immer so einen Alt regelmäßig in die Alte Försterei schickt, sonst müssten sich tausende Zuschauer ja auf einen neuen Blitzableiter einigen, der sich zum Auspfeifen eignet.

Die offene Frage: Wer ersetzt nun Christopher Trimmel, der von Kaan Ayhan auf dem Weg zum Platzverweis von hinten umgetreten wurde und auf die rechte Schulter krachte? Er trug dann den rechten Arm vom Platz, indem er ihn mit links festhielt, als wäre der nicht angewachsen.

Vorerst macht er für Union auf dem Platz aber erst mal nix mehr mit links: „Irgendwas ist kaputt in der Schulter, was genau wissen wir noch nicht“, sagte Trainer Jens Keller, „er wird uns einige Wochen fehlen.“

Er brachte dafür Christopher Quiring in der 52. Minute, weiß aber selbst noch nicht wie sich die offene Personalie in den Abstinenzwochen Trimmels schließen lässt. „Eins ist sicher“, sagte er nur, „wir werden auch die nächsten Spiele mit einem Rechtsverteidiger spielen und elf Mann auf dem Platz haben.“

Das Fazit

Alltag ist manchmal grau, gerade im Oktober. Aber DFB-Pokal ist nicht alle Tage. Es gibt also mehr Alltag als Champions-League-Gegner, in dieser Saison bis zum Sommer sogar nur noch. Der braucht auch Glanz und Gloria, also Tore vor allem.

Auch wenn die Gegner, wie Düsseldorf, sicherheitshalber Sattelschlepper im Tor parken oder notfalls mit zwei Fünferketten spielen wie die alten Griechen unter Otto Rehhagel. Vorerst hat Union damit die Chance verpasst, den mit fünf Punkten enteilten Braunschweigern näher zu rücken, indem sie aus deren Pleite in Dresden Kapital schlagen.