1 FC Union Berlin verliert gegen Eintracht Braunschweig: Das war es wohl mit dem Aufstieg

Unions bester Mann verbrachte die Partie auf der Tribüne. Nein, nicht vom gesperrten Angreifer Sebastian Polter ist die Rede. Gemeint ist der Mann, der kann, was keiner kann. Mit diesem Reim haben ihn die Fans jahrelang besungen, weil er zum Beispiel im Jahr 2007 eben hier in Braunschweig ein 3:3 in den Schlussminuten noch in ein 5:3 verwandelte. Mit einem zweifachen Fußschnippen. In der Regionalliga war das.

Wunder und Traumtore waren auch später in Liga drei und zwei das Markenzeichen von Torsten Mattuschka, bis er den Klub 2014 verließ. Nun war der einstige Kapitän selbst als Fan angereist, zum wichtigsten Saisonspiel seines ehemaligen Vereins. Nur mit einem Sieg gegen Braunschweig hätte der Traum vom Bundesligaaufstieg in den abschließenden zwei Spielen wahr werden können. Doch all das Zittern, Brüllen und Daumendrücken half nichts. Denn Mattuschkas Erben schienen vor allem zu Beginn von der historischen Dimension ihres Auftritts bei Eintracht Braunschweig eingeschüchtert.

Durch das 1:3 sind die Aufstiegschancen trotz eines begeisternden Kampfes auf nahezu unmöglich geschrumpft. „Klar, schenken wir die Saison jetzt nicht her, aber sechs Punkte – wir müssen realistisch bleiben“, sagte Trainer Jens Keller.

Ausgerechnet der aufstiegserfahrene und bundesligaerprobte Stephan Fürstner leistete sich bereits nach drei Minuten einen groben Schnitzer. Er verlor den Ball nach einem Eckball am Mittelkreis und lud den Gegner so zu einem Überzahlkonter ein. Als die Gefahr schon fast bereinigt schien, lieferte Simon Hedlund den Ball noch mal bei den Braunschweigern ab: Mirko Boland zielte zu hoch. Diese Anfangsunsicherheit war emblematisch für die vielen ängstlichen Abspielfehler, die den Berlinern im Spielaufbau unterliefen. Keller: „Am Anfang hatten wir große Schwierigkeiten.“

Nervöse Fehlpässe

Auf der Tribüne malträtierte Unions Präsident Dirk Zingler den Kaugummi in seinem Mund mit kräftigen Bissen. Nach einem der nervösen Fehlpässe von Hedlund schlug er die Hände überm Kopf zusammen. Zumal Eintrachts Kapitän Ken Reichel in der Zwischenzeit nach einem Freistoß Unions Unentschlossenheit beim Ballentfernen mit einem Schuss vom Strafraumrand zum 1:0 genutzt hatte. Durch den frühen Rückstand in der sechsten Minuten hatte sich der Druck, der auf der Mannschaft lastete, noch weiter erhöht.

Dass Doppelschlag von Tribünengast Mattuschka zum Sieg damals auch nach zweimaligem Rückstand gelungen war? War auf dem Rasen natürlich nichts wert. Andere Zeiten, andere Qualitäten. Aber der Wille, sich von Rückschlägen nicht aus der Bahn werfen zu lassen, ist weiterhin fester Bestandteil der Teamidentität. Die Unioner lieferten sich mit den Braunschweigern einen fulminanten Schlagabtausch um die Bundesligazugehörigkeit.

Vor allem der unglaublich fleißige Polter-Ersatz Sebastian Hosiner trieb im Verbund mit Kenny Prince Redondo das Berliner Spiel nach vorne. Nur als der Zweitere in der 21. Minute den Ball durchstecken wollte, kam der Erstere einen Schritt zu spät. In der Folgeminute kam Hedlund aus spitzem Winkel zum Abschluss. Es waren die beiden besten Gelegenheiten der Eisernen in Hälfte eins.

Platzverweis für Puncec

Für den zweiten Durchgang brachte Keller Maximilian Thiel. Der 24-Jährige, der aufgrund von Muskelverletzungen und einer Schultereckgelenksprengung zuletzt am 5. Februar 2016 ein Pflichtspiel absolvierte hatte, sollte dank seiner Schnelligkeit und Schusskraft die Wende bringen. Das Problem war, dass ihm nach der lange Pause zunächst das Gefühl für den Spielfluss fehlte. Nun rächte es sich etwas, dass er nicht schon mal eher kleinere Bewährungsproben verordnet bekommen hatte.

Schlimmer war aber, dass sich der bis dahin eigentlich gut verteidigende Roberto Puncec in der 54. Minute seine zweite Gelbe Karte einhandelte. „Wenn du gefühlt in jedem Spiel einen Platzverweis bekommst, kannst du nicht gewinnen“, sagte Felix Kroos später.

Zinglers Trauer

Und als dann Ken Reichel erneut seine Führungsqualität unter Beweis stellte – zweiter Schuss, zweites Tor –, da war selbst dem ewig positiv denkenden Zingler die Trauer ins Gesicht geschrieben. Doch während er noch auf seinen Geschäftsführer Sport Lutz Munack einredete, stocherte Thiel wirklich einen Hosiner-Abpraller über die Linie (65.). Das Wunder lag wieder in der Luft, Mattuschka ließ grüßen.

Doch in dem sehnlichen Wunsch, das Unmögliche möglich zu machen, lief Union in einen Konter, an dessen Ende Domi Kumbela Union-Keeper Daniel Mesenhöler bezwang, der einen Angriff zuvor noch bravourös gegen Eintrachts erfolgreichsten Stürmer pariert hatte. Damit war die Niederlage besiegelt – und damit auch das bittere Fazit, dass eine Mannschaft, die in der finalen Saisonphase gegen alle drei direkten Konkurrenten verliert, den Aufstieg auch nicht verdient hat.

Besonders schmerzhaft ist dies für den Torschützen Thiel. Es könnte sein letzter Treffer für Union gewesen sein. Den nächsten Anlauf in Richtung Bundesliga wird er wohl nicht mitmachen dürfen. Ihm wurde signalisiert, dass der im Sommer auslaufende Vertrag nicht verlängert wird.