Berlin - Berlin braucht keine Olympischen Spiele, auch nicht Welt- und Europameisterschaften, um als Sportstadt wahrgenommen zu werden. Berlin hat Spitzensportvereine, die dieses Prädikat zur Selbstverständlichkeit haben werden lassen. Die zuletzt fast ausnahmslos − da mag da und dort in der einen oder anderen Saison auch mal das Ziel verfehlt worden sein − sowohl strukturell als auch sportlich enorme Fortschritte gemacht haben.

Die Basketballer von Alba, die Handballer der Füchse Berlin, die Volleys, die Eisbären, die Fußballer von Hertha BSC und Union Berlin − jeder Verein auf seine Art und Weise, jeder mit Bedacht, aber eben auch mit jeder Menge Energie. Wobei Union Berlin in diesen Tagen schon eine Ausnahme darstellt. Der Klub aus Köpenick wird in diesem Fußballjahr nämlich nicht nur von dynamischen Kräften, sondern von einer in diesem Ausmaß wohl doch unerwarteten Euphorie bewegt.

Ungewohnt hohes Risiko

Ja, der Aufstieg in die Bundesliga ist für die Eisernen, die seit dem 1:0 vom Montagabend im Heimspiel gegen den 1. FC Nürnberg die Tabelle der Zweiten Liga anführen, nicht mehr nur möglich, sondern sogar ziemlich wahrscheinlich. Der Aufstieg in die höchste deutsche Spielklasse, die für Klubs aus unserer Stadt bis vor kurzem nur für Hertha BSC erreichbar zu sein schien. Nun aber ist Union auf dem Sprung, weil man an der Alten Försterei einerseits zum rechten Zeitpunkt mit ungewohnt hohem Risiko in die Mannschaft investiert, zum anderen mit Jens Keller als Cheftrainer und Henrik Pedersen als dessen Assistenten zwei Fachmänner gefunden hat, die mit ihrer Arbeit jeden einzelnen Spieler und dadurch auch das Kollektiv tatsächlich auf ein anderes Niveau bringen.

Auseinandersetzungen mit dem deutschen Branchenführer FC Bayern München, mit Borussia Dortmund, vor allen Dingen aber auch mit Hertha BSC sind also zu erwarten. Ein Stadtduell mit dem Traditionsklub aus dem Westen – dieses Jahr immerhin 125 Jahre alt –, der zuletzt ebenfalls ziemlich vieles richtig gemacht hat; der sich als Hauptstadtklub versteht, aber trotz aufwendiger Kampagnen noch immer keine zielführende Strategie entwickelt hat, um tatsächlich die ganze Kapitale zu bespielen. Was − und da gilt es die Macher vom Schenkendorffplatz auch ein bisschen in Schutz zu nehmen − in Anbetracht der vielen Neuberliner und die frühe, womöglich gar jugendliche Fußballfanprägung ebendieser auch wahrhaft kein leichtes Unterfangen ist.

Der größte denkbare Glücksfall

Darüber hinaus sieht sich Hertha inzwischen wie so viele andere Klubs aus der Bundesliga zum unbedingten Streben nach mehr als nur Bundesliga gezwungen − die Teilnahme am internationalen Wettbewerben gilt als Grundbedingung für ein mögliches Wachstum auf höchster Ebene. Oder man sieht sich in der Not gleich mal nach Investoren um, gibt Anteile ab und damit auch einen Teil seiner Selbstbestimmtheit auf, wie da und dort und eben auch bei Hertha schon geschehen.

Der Weg des 1. FC Union ist ein anderer, musste und sollte ja auch immer der etwas andere sein. Aus seiner Vergangenheit heraus, aber auch gemäß der Überzeugung der Vereinsoberen beziehungsweise gemäß den Wünschen der Fangemeinde. Selbst gemacht statt fremdbestimmt lautet bis auf weiteres die Maxime. Wobei durch den Schritt in die höchste deutsche Spielklasse und die Absicht, sich in ebendieser festzuspielen, diese Maxime früher oder später bestimmt infrage gestellt werden wird.

Der 1. FC Union Berlin, ein Kiezklub

Für den Moment ist der 1. FC Union ein Kiezklub, mehr noch als der FC St. Pauli, der ja immer noch gerne mit diesem Synonym umschrieben wird, die Voraussetzungen dafür aber eigentlich nicht mehr erfüllt. Wobei diese Konzentration auf den Bezirk und die Menschen, die diesen Bezirk als ihre ureigene Heimat betrachten, bei den Eisernen keineswegs zu einer Isolation geführt hat. Nur dadurch konnte der Klub seine Eigenart bewahren.

So ist ein Modell entstanden, das Neugier weckt, vielleicht weniger bei den Fußballfreunden aus dem Osten, die sich noch immer eher mit Klubs wie Dynamo Dresden oder dem 1. FC Magdeburg identifizieren, denn bei all den Fußball-Romantikern, die das besondere Stadionerlebnis suchen oder eben zumindest für 90 Minuten Teil dieser außergewöhnlichen Klubkultur werden möchten.

Ein inzwischen ziemlich wahrscheinliches Derby zwischen Rot-Weiß und Blau-Weiß, zwischen Kiezklub und Großklub, zwischen „Wir-sind-wir“ und „Wir-erfinden-uns-gerade-neu“ ist aus sportlicher Sicht jedenfalls der größte nur denkbare Glücksfall für diese Stadt. Ein Glücksfall, der in Anbetracht des eisernen Ehrgeizes zum festen Bestandteil des Sportkalenders werden könnte.