1. FC Union Berlin gegen Borussia Mönchengladbach: Wir erleben Geschichte

Beim 1. FC Union geschieht gerade das, was bei Borussia Mönchengladbach, am Sonntag Gegner in der Bundesliga, vor fünfeinhalb Jahrzehnten passiert ist: Historisches!

Fussball, Herren, Saison 2022/2023, Europa League Gruppe D, 5. Spieltag 1. FC Union Berlin - SC Sporting Braga, v. l. Sheraldo Becker 1. FC Union, Nuno Sequeira SC Sporting Braga, 27.10. 2022.
Fussball, Herren, Saison 2022/2023, Europa League Gruppe D, 5. Spieltag 1. FC Union Berlin - SC Sporting Braga, v. l. Sheraldo Becker 1. FC Union, Nuno Sequeira SC Sporting Braga, 27.10. 2022.imago/Matthias Koch

Wer sich mit den Anfängen der Fußball-Bundesliga beschäftigt, der kennt Hennes Weisweiler. Gut 60 Jahre ist es jetzt her, dass Deutschlands Westen eine neue höchste Spielklasse bekam, endlich eine zentrale, in der anfangs 16 Mannschaften den Meister ausspielten. Ein Team aber war nicht dabei: Borussia Mönchengladbach. Zu schlecht waren die Platzierungen in der Oberliga West in den entscheidenden Spieljahren, um auf die Quote zu kommen.

In der Saison 1961/62 landete Borussia auf Rang 13. Ein Jahr später auf Rang 11. Dann, als in der Bundesliga zum ersten Mal die Post abging und mit dem 1. FC Köln einer der ärgsten Rivalen vom Niederrhein sogar Meister wurde und neben den Geißböcken auch Schalke, der Meidericher SV (der inzwischen MSV Duisburg heißt), Borussia Dortmund und Preußen Münster einen Platz in der Bundesliga abbekommen hatten, kamen die Mönchengladbacher in ihrer neuen Regionalliga West nur als Achter ein – wieder nichts! Das Schlimmste dabei: Sogar TSV Marl-Hüls und Westfalia Herne waren besser.

Vor 30 Jahren hatte es der 1. FC Union Berlin noch schwer

Wer sich mit der Gegenwart der Fußball-Bundesliga beschäftigt, der kennt Urs Fischer. Als Trainer des Tabellenführers 1. FC Union Berlin ist der Schweizer in aller Munde. Gut 30 Jahre ist es her, dass Deutschlands Osten in eine neue höchste Spielklasse eingegliedert wurde, in eine einheitliche, in der im ersten Jahr 20 Teams den gesamtdeutschen Meister ausspielten. Ein Team aber war nicht dabei: der 1. FC Union Berlin. Zu schlecht war die Platzierung, als mit der deutschen Einheit die gemeinsame Post abging: Zweitklassigkeit in der DDR-Liga, nicht einmal eine klitzekleine Chance in der Relegation für die 2. Bundesliga, später Drittklassigkeit in der Oberliga Mitte und massive Sorgen mit den Finanzen. Das Schlimmste dabei: Sogar Sachsen Leipzig und der Chemnitzer FC waren besser, auch der Eisenhüttenstädter FC Stahl und Kickers Emden, einmal sogar der VFC Plauen und, schlimmer geht es tatsächlich nicht, die Amateure von Arminia Bielefeld.

Als sie in Mönchengladbach so recht nicht mehr wussten, wie sie in die Bundesliga kommen sollten, gingen sie an der Vereinsspitze in die Vollen. Helmut Beyer wurde Präsident und blieb 30 Jahre im Amt. Helmut Grashoff, zunächst vier Jahre Vizepräsident, wurde 1966 Manager und blieb 25 Jahre im Amt. Und es kam mit Hennes Weisweiler ein neuer Trainer.

Oliver Ruhnert brachte das Amt des Managers zum Blühen

Als sie beim 1. FC Union so recht nicht mehr wussten, wie sie sich trotz einiger Erfolge wie 2001 dem Erreichen des Finales im DFB-Pokal und dem Aufstieg in die 2. Bundesliga dauerhaft im großen Fußball etablieren sollten, gingen auch sie an der Vereinsspitze in die Vollen. Dirk Zingler wurde Präsident und ist nun schon 18 Jahre im Amt. Oliver Ruhnert brachte in der Alten Försterei das Amt des Managers zum Blühen und ist jetzt sechs Jahre, davon das erste als Chefscout, dabei. Und es kam mit Urs Fischer, auch wenn es zuvor mit Georgi Wassilew und Uwe Neuhaus schon zwei gab, die einiges bewegt hatten, ein neuer Trainer.

In seiner ersten vollen Saison als Borussia-Trainer (er begann Ende April 1964 als Nachfolger des vorzeitig zu Bundesligist Schalke gewechselten Fritz Langner) führte Weisweiler – vom damaligen Bundestrainer Sepp Herberger, dessen Assistent er einst gewesen war, empfohlen – sein neues Team 1965 auf Anhieb in die Bundesliga. Von Grashoff wiederum wurde der neue Coach mit diesen Worten geadelt: „Es war an der Zeit, Langner gegen etwas Geniales auszutauschen – gegen einen Trainer, der die volle Entfaltung der hoffnungsvollen Ansätze bewirken könnte.“ Weisweiler hat die Mannschaft aufgrund ihrer jugendlichen Ausstrahlung, dank ihrer temporeichen und offensiven Spielweise zur Meisterschaft geführt, zum Sieg im DFB-Pokal und zum Triumph im Uefa-Cup.

Urs Fischer und Oliver Ruhnert sind die wichtigsten Mitarbeiter

In seiner ersten Saison als Union-Trainer (er begann im Sommer 2018 als Nachfolger der in den Nachwuchs gewechselten Eisern-Legende André Hofschneider) führte Fischer sein neues Team auf Anhieb in die Bundesliga. Nachdem er sein Team dort auf die Ränge 11, 7 und 5 geführt hatte, ging es zweimal sogar um Europa. In dieser Saison und erst recht nach dem 1:0 am Donnerstag gegen Sporting Braga überwintern die Eisernen womöglich sogar in der Europa League und müssen nicht in die Play-off-Spiele für die eine Etage tiefer angesiedelte Conference League. Der Trainer hat im Verlauf der bisherigen Saison sportlich noch draufgepackt und wie Ruhnert seinen Vertrag verlängert. Präsident Zingler ordnet die neuerliche Zusage so ein: „Urs Fischer und Oliver Ruhnert sind die wichtigsten Mitarbeiter. Sie haben Bedingungen, die ziemlich selten sind. Sie können in Ruhe arbeiten und genießen die Unterstützung und die Kraft des ganzen Klubs und die des Umfeldes. Das mögen beide.“

Trotzdem: Die Eisernen und die Fohlen trennen Welten. Eigentlich. So liegen Alte Försterei und der Borussia-Park schlappe 600 Kilometer auseinander. Die aus Köpenick sind denen aus der Hennes-Weisweiler-Allee 1 sagenhafte 51 Bundesligajahre hinterher. Die aus dem tiefen Westen stellen mit Rainer Bonhof, Jupp Heynckes, Wolfgang Kleff, Berti Vogts, Herbert Wimmer (alle 1974, Netzer war da schon ein Jahr bei Real Madrid) und Christoph Kramer (2014) sechs Weltmeister, die aus dem tiefen Osten sind stolz wie Bolle, dass im Sommer 2021 mit Max Kruse und Cedric Teuchert zwei ihrer Angreifer bei Olympia in Tokio waren, auch wenn das DFB-Team nach der Vorrunde wieder nach Hause flog. Und dass aktuell Bundestrainer Hansi Flick mit Rani Khedira und Robin Knoche zwei ihrer Defensivspieler in den vorläufigen 55er-Kader für das in drei Wochen beginnende WM-Turnier in Katar aufgenommen hat.

Alte Försterei „ein unfassbar geiles Stadion“

Angesichts dieser Historie mag man es kaum glauben, dass auch die Eisernen in mancher Hinsicht für die Fohlen (oder für manchen von ihnen) zum Vorzeigen taugen. Torsten Mattuschka ist dafür das beste Beispiel. Tusche, der Freistoß-Gott mit der in Köpenick legendären Rückennummer 17, hat es der Mönchengladbacher Nummer 6, dem zwölfmaligen Nationalspieler Christoph Kramer, angetan. Das, was Kramer, der Weltmeister, über Mattuschka, den Instinkt-Fußballer, sagt, klingt tatsächlich wie eine Liebeserklärung: „Ich spielte für Bochum in der 2. Liga. Die war Hauruck, Kampf und auch mal Krampf. Aber da war auch Torsten Mattuschka. Der war ein Lichtblick. Wenn er den Ball hatte, blieb die Zeit stehen.“

Damals, vor elf Jahren, begann Kramer außerdem ein Hobby, das er bis heute emsig pflegt: Er sammelt Trikots von Gegenspielern. Mittlerweile sind es weit über 200. Darunter ist eines des siebenmaligen Weltfußballers Lionel Messi, aber davor schon hatte er eines von Union-Ikone Tusche. Kramer: „Ich hielt Mattuschka schon damals für einen klasse Spieler. Sein Trikot war dann auch eines der ersten in meiner Sammlung.“

Sogar das Stadion der Eisernen hat es Kramer angetan, auch wenn er in Köpenick sowohl mit Bochum in zwei Spielen in der 2. Bundesliga als auch mit Mönchengladbach in bisher drei Partien in der Bundesliga nie gewonnen und nur vor zwei Jahren bei einem 1:1 nicht verloren hat. Der defensive Mittelfeldspieler, der weiter blickt als nur über den Mittelkreis, findet den Sonntag-Gegner einen „Klub mit außergewöhnlichem Charme“ und die Alte Försterei „ein unfassbar geiles Stadion“. Hier, im Ballhaus des Ostens, wird Kramer mit Mönchengladbach am Sonntag wieder versuchen, den Bock umzustoßen. Allerdings weiß er nur zu gut, dass aus diesem unfassbar geilen Stadion sogar in der Bundesliga eine Festung geworden ist.

Im Übrigen: Hennes Weisweiler blieb am Bökelberg neun Jahre Fohlen-Trainer. Insofern hat Urs Fischer, um es mit den Worten der italienischen Trainer-Legende Giovanni Trapattoni auszudrücken, in der Alten Försterei noch lange nicht fertig.

Der 1. FC Union Berlin spielt am Sonntag, um 15.30 Uhr gegen Borussia Mönchengladbach in der Alten Försterei.

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