Berlin - Prognosen sind so eine Sache. Damit hat auch die BVG am Wochenende ihre leidvolle Erfahrung machen müssen. Vor dem Hit der Eisernen gegen die Bayern hatten die Verkehrsbetriebe gewitzelt, dass Spiele gegen die Bayern so spannend seien, wie 90 Minuten Fahrgastanzeige zu beobachten, weil der Ausgang des Spiel vorhersehbar sei. Die Empfehlung an Unions Fans, sich doch lieber für zwei Stunden in einen U-Bahnhof zu setzen, weil dort wenigstens der Ausgang offen sei, sorgte logischerweise  für reichlich Unmut bei den Anhängern der Köpenicker.

90 heiße Spielminuten und ein cooles 1:1 später ließ der genussvolle Konter des 1.FC Union nicht lang auf sich warten. Per Retweet kommentierten die Eisernen den BVG-Gag mit den Worten „BVG_Kampagne und Fußballsachverstand, so verlässlich wie Verzögerungen im Betriebsablauf“. Schöner Konter. Und treffsicherer als Taiwo Awoniyi, der die Münchner bei seinen Sturmläufen fast im Alleingang hätte abschießen können. 

Was zum Spiel des Bundesliga-Dienstags (20.30 Uhr) führt. Denn wenn man vor der Saison eine Erwartungshaltung über den Kick zwischen dem VfB Stuttgart und Union geäußert hätte, wäre man gemeinhin wohl von einem Kellerduell ausgegangen. Die Eisernen hatten sich ja in ihrem erst zweiten Jahr der Bundesligazugehörigkeit nichts weiter als nur den Klassenerhalt auf die Fahnen geschrieben. Für die Schwaben hingegen konnte es nach zwei Abstiegen in der jüngeren Vergangenheit – einer davon ja vor rund 19 Monaten direkt durch Union verursacht –  nur darum gehen, sich endlich wieder im Fußball-Oberhaus festzubeißen und den Ruf einer Fahrstuhlmannschaft abzulegen. Mit anderen Worten: Mehr als die Vermeidung des sofortigen Wiederabstiegs zu erwarten, wäre vor dieser Saison als vermessen erschienen. 

Ein Blick auf die Tabelle lehrt nun, dass man mit so einer Prognose kolossal falsch gelegen hätte. Denn: Der Tabellensiebte erwartet den Sechsten. Das Duell der erwartbaren Kellerkinder ist neben Bayern gegen Wolfsburg der tabellarische Höhepunkt des 12. Spieltages. Es ist die Partie zweier Überraschungsteams, die das am Wochenende eindrucksvoll untermauerten. Der VfB mit seinem 5:1 in Dortmund vielleicht noch ein Stückchen mehr als Union mit dem 1:1 gegen den die Münchner. Wobei Urs Fischer das Wort Überraschungsmannschaften eher unpassend findet. „Das ist eine Momentaufnahme, und dann ist die Aussage sicherlich nicht falsch. Aber bei Überraschungsmannschaft ist für mich entscheidend, wo du am Ende der Meisterschaft stehst“, sagte der Schweizer gewohnt defensiv. 

Gentners Einsatz ist fraglich

Prognosen über den Spielausgang gelten ohnehin als schwierig. Auch wenn Fischer bei dem Gedanken daran nur „tolle Bilder im Kopf“ hat, aber der Relegation vom Mai 2019 keinerlei Relevanz mehr zumisst, weil sich beide Teams „weiterentwickelt“ hätten. Fest steht nur, dass Union und der VfB beide gut in Form sind, jeweils 17 Zähler auf dem Konto haben, was mit Blick auf den Tabellenkeller ein Wohlgefühl auslöst. Die Worte, mit denen Fischer die Qualitäten der Stuttgarter preist, könnte man fast eins zu eins auf Union ummünzen. „Ich glaube, dass die Mannschaft vor Selbstvertrauen strotzt, sich sehr viel zutraut und immer wieder spielerische Lösungen sucht und auch findet. Sie spielen es sehr mutig“, sagte Fischer vor dem Trip nach Stuttgart. 

Gefühlt wohnen ja in Berlin und vor allem im Prenzlauer Berg mittlerweile mehr Schwaben als in Stuttgart selber. Und auch die Eisernen kommen derzeit viel schwäbischer daher als der dienstägliche Gastgeber. Was nicht nur an dem von Urs Fischer beherzigten Motto, was man mit „schaffe, schaffe, Punkte sammle“ umschreiben könnte, verdeutlich wird, sondern sich sogar im Team widerspiegelt. Union hatte am Wochenende gleich drei Akteure mit schwäbischen Wurzeln auf dem Feld: der überragende Grischa Prömel, Sebastian Griesbeck und Ex-VfB-Kapitän Christian Gentner, der sein Comeback beim Spiel gegen die Bayern gab. Sein Einsatz in Stuttgart sei laut Fischer allerdings mehr als fraglich, so wie auch der von Marcus Ingvartsen. Die Dortmund-Bezwinger hatten in ihren Reihen nur den eingewechselten Lilian Egloff. Doch der kommt aus der Region um Heilbronn, die historisch gesehen eher Franken zugeschlagen wird. 

Wenn der Ausgang des Spiels auch schwer vorherzusagen ist, kann man dennoch eine Prognose wagen: Getreu dem alten Werbeslogan von Baden-Württemberg gilt für beide Teams derzeit: Sie können alles, außer Abstieg.