Dortmund - Vielleicht hätte er mal an seinen alten Weggefährten Pierre-Emerick Aubameyang denken sollen in dieser 26. Minute des Kicks zwischen Dortmund und dem 1. FC Union. Mit dem Gabuner hatte Marco Reus einst als Batman und Robin nach einem Treffer für den BVB gejubelt. Der heutige Arsenal-Spieler hatte Tore auch schon mal als Spiderman gefeiert. Dessen Motto „Aus großer Kraft kommt große Verantwortung“ schien dem deutschen Nationalspieler aber völlig fremd zu sein, als er beim Aufeinandertreffen im einstigen Westfalenstadion schlicht seine Vorbildfunktion vergaß und mit einem geschundenen Strafstoß die Köpenicker auf die Verliererstraße brachte.

Kolossale Flugshow von Marco Reus

Dass Reus hier eine kolossale Flugshow hinlegte, darüber gab es am Tag nach dem 0:2 der Eisernen bei der Borussia keine zwei Meinungen. Und es verdrängte fast jeden Gedanken daran, dass Union schon am Sonnabend in der heimischen Alten Försterei gegen Werder Bremen (15.30 Uhr, Sky) schon wieder um Ligapunkte ran muss. Auch die von der DFL verordneten Quarantäne-Trainingslager für alle Erst- und Zweitligisten ab dem 12. Mai gerieten darüber ins Hintertreffen.

Zu sehr war noch der Zorn der Köpenicker zu spüren, die sich um den Lohn für ihre Mühen gebracht sahen. Schon allein ein Punkt in Dortmund hätte die Eisernen beim Ringen um die Europacup-Plätze zum Sieger des Spieltages werden lassen angesichts der Patzer der Konkurrenten aus Leverkusen und Gladbach. Und wer weiß, ob nicht noch mehr drin gewesen wäre. Dortmund agierte alles andere als souverän. Gut, mehr vom Spiel hatten die Schwarz-Gelben, aber ihre Angst vor einem Gegentor, einem neuerlichen Rückschlag, war die ganzen 90 Minuten spürbar gewesen. Zumal Union ja mit zwei Aluminiumtreffern (1. Ingavrtsen, 66. Kruse) nicht nur das Gebälk, sondern auch die Hausherren hatte zittern lassen.

Max Kruse verzweifelt am VAR

So aber überwog der Unmut über Reus. „Es gab keinen klaren Kontakt, mit dem ich ihn zu Fall bringe. Ich bin gar nicht mehr richtig hingegangen“, erklärte Unions Schlussmann Andreas Luthe, der erkannt hatte, dass er sich Reus nur in den Weg legen musste, um diesen weiter hinaus zu lenken. „Das ist zu wenig. Marco Reus hebt extrem früh ab und will den Elfmeter. Wenn man sich das noch mal anschaut, kann man auch mal dagegen entscheiden. Normalerweise muss das reichen, um keinen Elfer gegen sich zu kriegen“, haderte der eiserne Keeper mit der Fehlentscheidung, die erstaunlicherweise nicht aus dem Kölner Keller einkassiert worden war. 

Der versagte quasi doppelt. Denn Reus stürmte beim von Erling Haaland getretenen und von Luthe zunächst parierten Strafstoß zu früh in den Sechzehner, kam so dann im Nachschuss zum Erfolg. „Collinas Erben“, der Schiedsrichterblog im Internet und in Person von Alex Feuerherdt auch als regelkundiger Experte unter anderem für Sky tätig, hält diesen ebenfalls nicht geahndeten Vorgang für nicht unerheblich. Der Strafstoß hätte wiederholt werden müssen, so sein klares Plädoyer auf Twitter. „Ich finde ja, dass der VAR den Fußball generell gerechter macht. Aber da fragt man sich manchmal, wozu da 17 Bildschirme stehen!“, beklagte Max Kruse via Instagram das doppelte Versagen des VAR.

Reus selber, der sonst eher weniger die Kameras scheut, schwieg lieber an diesem Abend, an dem er das Fairplay mit den Füßen getreten hatte. Offenbar ist der Druck beim BVB, die Fleischtöpfe der Champions League erreichen zu müssen, so groß, dass jedes Mittel recht ist. Nicht wenigen kam da die berühmte „Schutzschwalbe“ von Andy Möller in den Sinn, der 1995 im schwarz-gelben Dress der Borussen bei einem 2:1 gegen den Karlsruher SC wie vom Blitze getroffen sich unvermittelt ohne jeglichen Gegnerkontakt am Boden wälzte. Dafür bekam Möller nachträglich übrigens eine Sperre von zwei Spielen und eine Geldstrafe von 10.000 Mark aufgebrummt.

Vorbildfunktion? Egal. Reus wird wohl straffrei ausgehen. Obwohl man aber berücksichtigen sollte, dass in Realgeschwindigkeit sein Abheben nicht ganz so einfach ausfindig gemacht werden konnte von dem Unparteiischen Daniel Schlager. Eine Entschuldigung, die so für den Video-Assistent-Referee aber eher nicht in Betracht kommt.

„Reset and back to work“, twitterten die Eisernen am Morgen danach, als wäre es das Einfachste der Welt – das Ganze versehen mit einem Bild der heimischen Alten Försterei. Doch im Grunde haben sie ja recht. Denn der Traum vom internationalen Geschäft ist ja noch nicht ausgeträumt, nur schwieriger zu realisieren mit einer Spielrunde weniger, die zu absolvieren ist. „In der Tabelle ist nicht viel passiert. Wir bleiben hartnäckig, geben unser Bestes und werden sehen, was rauskommt“, blickte Unions Kapitän Christopher Trimmel nach vorn.

Ein Dreier muss dafür am Sonnabend aber her gegen Bremen. Womit man nebenbei sogar – Ironie der Geschichte – Hertha helfen könnte im Abstiegskampf. Denn auch Werder ist mit seinen nur 30 Zählern alles andere als abgesichert.